Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Mündjner Malerei des 19. Jahrhunderts
(Bemerkungen zu dreiÄusftellungen beif^einemann)

Mit fünf Abbildungen auf drei Tafeln

Von F. ROH

s wird ftets reizvoll bleiben, irgend eine Menfcßentätigkeit zu verfolgen ancIerKon-


ftante eines beftimmten Ortes. Damit ift freilich ein wiffenfchaftlich fdjwer lös-

bares Grenzproblem gegeben, über das ein naiver Realismus gern ßinweggleitet.
Hier alles foll zur Münchner Malerei gerechnet werden? Die feit undenkbarer 3eit
hier Änfäffigen? Die feit einigen Generationen Seßhaften? Jeder Maler, der fein
Leben lang in München fdjuf? Derjenige, der etwa ein Jahrzehnt hier faß? Oder
genügt ein Jahrfünft, etwa nur eine Lehrzeit? — Die bloße geiftige Beeinfluffung von-
feiten entfcßeidender Münchner Künftler kann den Begriff nicht konflituieren, fonft
fielen unter ißn auch etwa Maler des Auslandes, die nie Münchner Boden betraten.
Bei exakter wiffenfd)aftlicher Beftimmung des genius loci wären diefe Fragen — min-
deftens deßnitorifcß — zu löfen.
Äusftellungen wollen nur anregen zu jenem wiffenfchaftlichen Problem. Sie können
fcßon aus praktifdjen Gründen das örtliche einer Kunft nicht reftlos zur Darftellung
bringen, da fie fowiefo nur geben können, was ißnen gerade aus fremdem Befijs er-
reichbar war. Außerdem hätte es wenig Sinn und viel Schwierigkeit, alles was in den
großen Staatsfammlungen der Stadt geborgen ift, herbeizufd)leppen. Gnd letztlich find
heute durch Cransportfdjwierigkeiten alle Fjände gebunden.
ünter diefen Geficßtspunkten ift die Arbeit der Galerie Fjeinemann aufzufaffen und
als feßr verdienftvoll zu preifen. Sie hat breitefte Anregung gegeben und reiches
Material zur Gefchicßte der Malerei Münchens ausgefchüttet. Man fchuldet ißr fowie
den Fjaupthelfern, voran Dr. Feulner, beträchtlichen Dank. 1920 zeigte man die „Münch-
ner Malerei um 1800“, 1921 die „Münchner Malerei unter Ludwig I.“ (1825—1848).
ünd 1922, jejst nod) fichtbar, „Münchner Malerei von 1850—1880". Es wurde deut-
licher denn je, welche Rolle die ganze 3eit hindurch das große füddeutfcße 3ßntrum
gefpielt hat. Große Ruße und Gehaltenßeit geht durch, gegen den bewegteren, fdjär-
feren 3u9riff etwa der Berliner Entwicklung. (Hie die Konftante im einzelnen zu
umfcßreiben fei, bleibe der (Uiffenfchaft überlaffen, nachdem der Ausgang des Jahr-
hunderts in einer vierten Ausftellung vorgeführt fein wird.
In die Äugen fpringender ift fdjon jetjt das Entwicklungsproblem, wie es für die
ganze Malerei des 19. Jahrhunderts auftaucßt. Die übliche Einteilung der Kunftge-
fchichtsfchreibung mindeftens feit der zweiten Fjälfte des Jahrhunderts war diktiert von
einem beginnenden Stoffrealismus und einer malerifchen Periode, verbunden mit einer
unterirdifcßen Rezeption der Barockmalerei. Da fid) dem immanenten Eingreifen durch
das jeweilige Ideal der Seit noch nie eine Kunftgefd)id)tsfchreibung hat entziehen
können, ift es verftändlid), daß die Entwicklung der Malerei des 19. Jahrhunderts meßr
oder weniger entfcßloffen als ein crescendo, als ein Änftieg verftanden wurde. Eine
folche Änfcßauung, die \)ente die verbreitetfte ift, wird auch die drei Ausheilungen
bei Fjeinemann im Sinne jenes Äufftiegs empfinden, der zwifcßen 1800 und 1880 als
einheitliches großes Hlacßfen aus zeichnerifd) dinglicher Gebundenheit zu wahrhaft ge-
noffener Subftanzfülle und. malerifdjer Breite verläuft. Entfprecßend wird man einen Än-
ftieg von Einzelpräzifion zum Gefamtgriff überhaupt konftatieren. Ebenfo einen Än-
ftieg zur Erfaffung des luhgefättigten Freiraums. Vor allem aber den Änftieg von
„fteifer“, formal ftilifierender Fjärte zur fogenannten „freieften Fülle und Natürlichkeit“.
Seßen wir von einer zweiten Gruppe von Forfcßern ab, die das Bewertungsproblem
aus Geifteswiffenfchaft und Kunftgefchicßte überhaupt glauben ausfdjeiden zu müffen
(und zu können), fo ftoßen wir auf eine dritte Möglichkeit des Grteils, der fiel) all-

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