Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Internationale Kunftausftellung in Düffeldorf
Von H. v. WEDDERKOP

Der Klille der Veranftalter ift zu loben. Er brachte es fertig, daß felbft eine Stadt wie Düffel-
dorf auf einige Lage nicht nur erträglich, fondern leicht und amüfant wurde. Man foll da-
bei abfehen von den Corheiten, den ernftgemeinten Corheiten eines Kongreffes zwecks An-
bahnung internationaler Beziehungen. CQenn irgendwo, z. B. in Düffeldorf, ein paar bunt zufammen-
gewürfelte Leute zufammenkommen, Ruffen, die in Deutfchland leben, Japaner, die in Deutfchland
leben (einer von ihnen fucht die Augsburger Straße in Berlin expreffioniftifch zu geftalten, fowie
die Cänzerin Gertrud Falke) Polen, Italiener, Rumänen, faft alle aus Berlin, dazwifcben der eine
oder der andere wirklich aus Paris oderBrüffel, aber gänzlich ohne Vollmacht fein Land und feine
Stadt zu vertreten, fo ift der Name „international“ mehr ein Stolz und eine Freude, nur keine Klirk-
lichkeit. Der Ehrenausfchuß ift zu groß. Qm einen Kern — als den man vielleicht noch am eheften
Elfe Lasker-Schüler anfprechen könnte — gruppieren fleh die unregelmäßigen Gebilde wie Luife
Dumont über Kafimir Edfchmid, Eulenberg, Romain Rolland, Ludolf Rofenheim bis zu Franz Klerfel.
Auch Gerhard Fjauptmann ift Ehrenausfchuß. Man hat nur den einen Klunfch, den ganzen Aus-
fchuß einmal körperlich beieinander zu fehen und ihn in Cätigkeit treten zu laffen. Klelche Fjarmonie!
Viele mögen von einander noch nie etwas gehört haben und würden auf die Kleife ihren Be-
kanntenkreis vergrößern.
Das Qnfreiwillige einer Leiftung, fei es einer freudevollen oder einer ernften, ift für Kenner
genau fo zu werten wie das Beabfichtigte. Das „Junge Rheinland“ fefete fich mit feiner Ab ficht
ausgefprochen daneben. Cro^dem hat es große Verdienfte, und es ift ihm zu danken. Es hat fid)
endlich entfchloffen, nicht mehr mit der Großen Düffeldorfer Ausftellung zu verkehren, diefe ift
alfo allein, verkapfelt in dem Riefenfaurierhaus am Rhein. Aber fowenig, wie die hier erfchienenen
fogenannten auswärtigen Künftler für ihre Länder fprechen können, fowenig kann es das „Junge
Rheinland“ für Deutfchland. Man kann nicht fagen, daß es ein gemeinfames Cafe ift, was da
ausftellt, aber auch nicht, ebenfowenig, daß es eine internationale Ausftellung ift. Klas gut
war auf der Ausftellung, ift meiftens alt und längft bekannt, wie Bilder von Leger, Gleizes,
Juan Gris, Picaffo (der inzwifchen fchon wieder ganz anders ift), Matiffe ufw. Lauter alte Aus-
ftellungsfchinken, die nicht mehr intereffieren, hiftorifch zu werten find. Klo find die neuen Bilder
von Leger? Bei FJerwarth Klalden und in Paris. Von Picaffo? Bei Channhaufer in München und
in Paris, nur nicht in Düffeldorf auf diefer Ausftellung.
Klas man von wirklich neuen Dingen fieht (d.h. noch nicht gefehenen), ift Kopf und Berechnung,
unverarbeitete Übernahme einiger mathematifcher Figuren, technifcher Formen, mafchineller Ceile,
Bemühungen geeint unter dem üitel „Konftruktionalismus“. Die Konftruktionaliften find die Leben-
digen. Sie haben Sinn für die faubere Exaktheit der Mafchine, aber pe lieben die Mafchine und
das immer Kliederkehrende ihrer Bewegung oder das Cechnifche oder das Mathematifche (je nach-
dem, man mache fich das Gemeinfame felber klar und das trennende) mit zu viel Demut. Mit
anderen Klorten, fie überlaffen den wefentlichen Anteil der Arbeit dem kongruierenden Ingenieur
und geben nur ein kleines ftillftehendes Abbild. Dennoch fehen pe hier wenigftens nicht vorbei,
wie die ewigen Rubensmaler. Man muß bedenken, daß die ganze Bewegung erft in den erften
Anfängen fteht und fehr viele Begabungen als Vorarbeiten verlangt. Der deutfehe Expreffionismus
rechnete mit innerlichen Problemen, er fcheidet aus — erledigt. Es handelt pch noch immer um
Formprobleme — und mehr als jemals. Manche Ekftatiker (meift deutfehen oder öftlidjen Qrfprungs
fcheinen anzunehmen, daß der Kubismus die Löfung ift. Das Beifpiel Picaffo konfterniert fie er-
heblich. Das Mittel des Kubismus genügt ihm fichtlich nicht mehr. Bereits ift der Kubismus für
diefen Lebendigen eine Phafe, aber eine verarbeitete. Für die Menge der Coten ift er bereits
Akademie. Er war die größte Bereicherung des neuen Sehens, aber er hat vielleicht den Fehler
einer allzu großen Deutlichkeit der Formel, daher feine Eignung zum Akademifchen. Er ift ein
Anfang, eine Übung, die notwendig ift. Aber er ift doch zugleich wefentlicher, künftlerifcher als
der Konftruktionalismus, der fich die Sache zu leicht macht, zu oft faul und blöd ift. Immerhin,
felbft bei diefen Fehlern, kommt einem der Reft zwecklos und abgeftanden vor, wenn diefer auch
fehr hübfeh fein kann. Es kommt — man verzeihe das Literatenwort — auf die „Einteilung“ an,
die beim Lebendigen wechfelt. Ich fchreibe vom Standpunkt der 3ukunft, der mich in jenen Lagen
einzig und allein interefßerte. In Düffeldorf wehte foviel frifche Luft, daß man dort zum erften-
mal an 3ukunft dachte. Dies das Verdienft des Jungen Rheinlandes.
Klegen des Kongreffes (Ausfprache, perfönliches Kennenlernen, Einigkeit) verweife ich auf dies-
bezügliche Ausladungen in Siegfr. Jakobfobns „Kleltbühne“ unter dem Eitel „Internationale Liebe
in Düffeldorf“. Diefe Gefcbehniffe waren merkwürdig genug, haben indes mit Kunft nichts zu tun,
gehören daher nicht hierher.

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