Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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diefer Sammlung und es fcheint, als habe gerade den Altdeutfchen die Ijauptliebe von Chillingworth
gegolten. (Kat. Nr. 39—77.) Allein vom alten Lucas Cranad) gibt es drei gleich wertvolle und aus-
gezeichnete Arbeiten; dazu ein viertes tüerk von dem Sohne Fjans Cranad), das durch die Initialen
und die Datierung 1537 ausgewiefen ift. Ferner ein männliches Bildnis von ßans fjolbein d. J.,
eine Madonna mit Kind und Engeln des IJans Baidung Grien, von der das Germanifche Mufeum
eine 1516 datierte Replik bep&t. Von dem im Kunfthandel fehr feltenen, durch feinen leuchtenden
Kolorismus ausgezeichneten Meifter von Meßkirch beßtjt die Sammlung zwei prachtvolle große
Altarflügel, die — wenn Erinnerung nicht täufcht — einmal zu den vier füerken gehörten, die
Fjagelftange vor Jahren für das Kölner Mufeum erworben hatte und die nach deffen Code (nie
gut zu machender Fehler einer engherzigen ftädtifchen Kunftpolitik) dem deutfchen Kunfthandel
überliefert wurden. Gnd was neben diefen durchaus ungewöhnlichen tüerken die Abteilung fonft
noch an Arbeiten füddeutfcher Fjerkunft (Elfaß, Franken, Mittelrhein vor allem) bepist, ift ausnahms-
los von höchfter kunfthißorifcher Bedeutfamkeit. Nad) Köln weifen des jüngeren B. Bruyn männliche
Halbpgur und wichtiger als diefe, eine fehr typifdje Kreuztragung des Meifters der heiligen Sippe,
und eine fchöne Altartafel vom Meifter des Marienlebens. Nach Nürnberg die köftlichen Bildniffe
von Georg Pencz und einige Darftellungen aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. Der Münchner Fjans
Muelich ift mit einem feinen Männerbildnis vertreten, Strigel und Schauffelein neben anderen
durch je eine typifcße Arbeit. Befonders intereffant endlich noch die Fjimmelfahrt Chrifti des aus
Münfter ßammenden Johann Koerbecke um 1470. Aber diefe wenigen PJinweife geben nur von
ungefähr einen Begriff von den in diefer Abteilung vereinigten altdeutfchen öüerken, die zumal
für uns der eigentliche Clou der Sammlung find, auch wenn die legte Abteilung der italieni fchen
Gemälde des 13.—16. Jahrhunderts (Kat. Nr. 78—117) ähnlich vielfeitig orientiert iß. Auch hier dürften
es in erßer Linie die primitiven Meifter fein (Siena, Florenz, Verona), die nach den modernen
Sammeltendenzen vor allem ßärkftes Intereffe fordern. Daneben die ÖUerke einiger Quattrocen-
tiften wie die koftbare Madonna des Lorenzo di Credi, der Arion des Francesco Coffa, zwei
Predellen Signorellis, Szenen desVeronefer Meißers Niccolo Giolpno neben anderen qualitätvollen
Arbeiten, die in die Nähe der Botticelli, Filippo Lippi, Mainardi, Cima da Conegliano weifen. Da
gerade diefe Dinge durch die Lichtdrucke des Kataloges ausgezeichnet wiedergegeben pnd, erübrigt
pch an diefer Stelle ein näheres Eingehen.
Aber foviel ift gewiß: Die Sammlung Chillingworth, deren Aufteilung man aufrichtig bedauern
mag, weil pe nach Anlage und Gehalt pdjer noch eine große 3ukunft hätte haben können, hat
jene Linie, die uns Deutfchen aus den lebten Vorkriegsjahren aus mehr als einer öffentlichen
Vente beftens vertraut gewefen iß. Ereigniffe diefer Art werden auf dem europäifchen Kunftmarkt
immer feltener und darum wird man die Ergebniffe diefer Verfteigerung mit Recht auf lange hin-
aus als grundlegend für die börfenmäßige Cendenz des Marktes anfprechen dürfen. Bjerraantl

Die neueren Elfenbeine des Bayerifchen
National mufeums

Von ALFRED STANGE
Mit einer Tafel

Nach einer gründlichen Neuordnung der Beftände ift feit einigen ttlochen in zwei Sälen des
Obergefchoffes die umfaffende Sammlung der neueren Elfenbeine dem allgemeinen Befuch
wieder zugänglich gemacht worden. Die neue Aufftellung unterfcheidet pch auf das Günftigfte
von der alten. Die Klandverkleidung des einen Saales lieferte ein Münchner Patrizierhaus des
18. Jahrhunderts, ein ausgezeichneter Rahmen für die Elfenbeine, die in tüandvitrinen aufgeftellt
pnd. Die beigegebene Abbildung überhebt uns einer näheren Befchreibung. önd ebenfo läßt ein
Blick auf die Befchriftungen eine vorfichtige, genaue Durcharbeitung des vorhandenen Materials
erkennen. Eine große Anzahl neuer 3ufchreibungen ift feftzußellen, andere Stücke find um 50 Jahre
und mehr umdatiert worden, wie das bisher Faiftenberger zugefchriebene Relief mit dem toten
Chriftus. 3a bedauern ift nur, daß derBefucher allein auf die ftenographifch kurzen Befchriftungen
angewiefen ift, die ihm nur das Allernotwendigfte über Provenienz, Meifter und 3eit geben. Denn
der Katalog, der die wiffenfchaftliche Ausbeute, die nötigen Nachweife, Belege, Begründungen
bringen, vor allem auch die Beziehungen der einzelnen Meifter zu den führenden Künftlern wie
Giovanni da Bologna und Bernini, zu Raffael, Cortona, Rubens ufw. oder zu Stichvorlagen, die
pch faß überall finden, klarlegen müßte, fehlt. Es wird damit auf eine der fchmerzlichßen Lücken
in der Reihe der neueren Mufeumskataloge hingewiefen, und es darf wohl auch an diefer Stelle

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