Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Ein FJauptwerk der böijmifdjen Bildßauer-
fcßule aus dem Hnfang des 15. Jahrhunderts

Mit einer Tafel Von KARL SCHAEFER


Die faft unbegreifliche Geringfcßäßung der Klerke unferer mittelalterlichen Bildhauer-
kunft durch die lebten drei Jahrhunderte hat dahin geführt, daß noch immer Jahr
für Jahr bisher unbekannte Meifterwerke ans Licht gezogen werden, und daß
wir auch heute noch nicht annähernd die umfaffende Kenntnis des gefamten Denkmäler-
beftandes haben, die zu einer endgültigen kunftgefcßicßtlicßen Bearbeitung und Klertung
Vorausfefeung fein muß. Das Scßickfal des Bildwerks, das ich hier bekannt gebe, ift
eine bezeichnende Rechtfertigung für diefen Vorwurf. Id) fand es in Bremen, nicht an
entlegener Stelle, fondern in einem Raume, durch den alljährlich der dicht gedrängte
Strom der Reifenden fid) drängt — im Bleikeller des Doms, jenem merkwürdigen Neben-
raum des Cßors, deffen Ätmofphäre die Klirkung hat, Leichen vor der Verwefung zu
[chütsen; am Kopfende eines der Särge ftand es, zur fjälfte fid)tbar, in einer Kland-
riifche, hätte alfo von Laufenden jährlich gefehen werden müffen. Aber es ift aud)
damals nicht gefehen und erkannt worden, als im Anfcßluß an die Kliederßerftellung
des Doms vor ungefähr 20 Jahren die bei der Neuausftattung nid)t verwendeten Über-
refte an originalen Bauteilen und Bildwerken des alten Baus in der Oftkrypta zufammen-
getragen wurden zu einer Vorratskammer, die man euphemiftifd) aud) als Dommufeum
bezeichnen hört. Aus diefen Beftänden hat FJartlaub 1912 im Jahrbuch der bremifd)en
Sammlungen eine Anzahl gefd)id)tlid) wertvoller Stüdce bekannt gemacht. Daß aud)
heute noch diefe und viele andere Kunft- und Altertumswerte ungepflegt und unbeauf-
sichtigt in ganz ungenügendem Licht liegen, ift für die Denkmalpflege und dasMufeums-
wefen in Bremen keine fd)meid)ell)afte Latfacße und ein betrüblicher Beweis für das
Mißverhältnis, in dem die Klertfcßätjung mittelalterlicher Skulptur zu dem allgemeinen
Intereffe an künftlerifcßen Dingen in unfern Lagen noch ftel)t.
Es ift eine Steinfkulptur in dem üblid)en Maßftab von etwas mel)r als halber Lebens-
größe, eine weibliche Gewandfigur; daneben, auffallend abgerückt, fteßt in kleinerem
Maßftab ein Mann. Eine gemeinfame gotifd) profilierte Plintße trägt die Gruppe und
verbreitert fid) für die ftark gerundete ßauptfigur zu oktogonaler Konfole, und an diefer
fiel)t man die kniende Geftalt eines betenden Mannes im Mönchsgewand, wiederum
in kleinem Maßftabe. Das Ganze ift aus einem Block feinkörnigen Kalkfteins gehauen,
der anfeßeinend aus den Baumbergen bei Münfter herrührt. Mit Ausnahme der Ver-
ftümmelungen an den Köpfen und fänden der Fjauptfiguren, dje den Eindrude machen,
als feien fie abficßllicß gefd)el)en, ift die Erhaltung des Ganzen recht gut. Selbft die
feinen Grade des Faltenwurfs find nur feiten beftoßen; unter Staub und Lüncße fießt
man fogar nod) die Refte alter Bemalung, die fid) auf goldene Gewandfäume, blaues
Mantelfutter und natürliche Färbung der Fleifcßteile befeßränkte.
3unäcßft ift die Frage, was die ungewöhnliche Gruppe darftellt. Eine Muttergottes-
ftatue kann die Geftalt nießt fein; der bis naße zum Fjandanfat» erhaltene nad) oben
gerichtete linke Arm kann das Kind nießt getragen haben und auf dem Gewand, das
über den rechten ünterarm gebreitet ift, find keine Spuren zu finden, daß hier ein Stüde
der Plaftik abgebrochen wäre. Die faft gezierte Fjaltung diefes rechten Arms läßt trofe
dem Feßlen der Fjand eine Gebärde vermuten, als reichte die Frauengeftalt dem klein
neben ißr fteßenden Mann etwas ßin. Kläre der Kopf erhalten, fo würde waßrfeßein-
licß feine Kiendung diefe Gebärde nod) deutlicher machen; es feßeint, daß er nad)
rechts und vorn geneigt war. Müffen wir alfo die Geftalt für eine weibliche Fjeilige
anfeßen, deren Namen wir meßt nennen können, da ißr alle Kennzeichen feßlen, fo
hilft uns vielleicht die Geftalt des nebenan fteßenden Mannes, den Sinn der Gruppe

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