Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Äitjapani[d)G Fjolzfiguren in Cairaadera

Mit zwei Tafeln Von KARL W1TH


Das Klofter Caima — in der weiteren Umgebung von Nara in Mitteljapan — be-
wahrt in feinem jet$t recht verfallenen Kondo eine Reihe von Holzßguren, die
bisher kaum beachtet worden find. Die bemerkenswerteren find zwei etwas über-
lebensgroße Figuren eines Jizo und einer Kwannon. In diefen Figuren fcßeint die alte
üradition der Narazeit (8Jaßrl)undert) mit ihren vollen und großen Formen noch nacß-
zuklingen; aber reduziert vom Lack auf Holz; und abgewandelt im Sinne einer fpäteren
3eit, in der bereits merklich japanifdjes Empfinden pd) gegenüber dem cßinefifcßen Vor-
bild verfelbftändigt hat. So find im Verhältnis zum Stil des 8. Jahrhunderts die Formen
— man möchte fagen — gefättigter, voll Gleichheit und idealifierter Handgreiflichkeit;
ja der Nimbus und der ganze kompofitionelle Aufbau gerade des Oberteils der Kwannon
verrät eine dekorative Gefchmacklichkeit; der Geßchtsausdruck zeigt in ail feiner myftifchen
Beruhigung eine menfdßliche tüürde und beinahe behäbige Diesfeitigkeit voll weiblicher
Fülle der Empfindung, jene fpätere gefühlsmäßige und ungrüblerifche Gläubigkeit, die
den alten überßinnlidjen und ftrengen Begriff der Heilserlöfung zu einem Inbegriff von
Freude und Lebensfülle umdeutet, kündigt flcb hier an. Es ift jene Einteilung von
Myftik und Sinnlichkeit, von Perfonalismus und Göttlid)keitsidee, die in Indien im
Cantrismus und (^aktidienft ihre konfequentefte Auswirkung erhielt, in China zum
Kwanyinkult wird und in Japan zu jener volkstümlich myftifchen Vereinigungs- und
Heilsgläubigkeit der fpäteren Sekten. Die Kwannonfkulptur, die noch Refte alter Be-
malung zeigt, dürfte etwa ins 11. Jahrhundert zu fetten fein.
Runder und voller und überlegener als die Kwannon ift der Bodhifattva Jizo (CiCfangj.
Eine vor allem feit dem 9. Jahrhundert in Japan fehr beliebte und volkstümliche Gott-
heit, der Nothelfer der verdammten Seelen, der Freund der fd)wangeren Frauen und
der Befchüjser der Kinder; eine hilfsbereite und gütige Gottheit, der den ewig wandernden
Menfchen Beiftand und Geleiter ift. Man findet ihn in fpäteren 3eäen hauptfächlid)
auf den Friedhöfen dargeftellt. Als fo nahe den Menfchen, wird er felbft auch fehr ver-
menfd)licht aufgefaßt und entfprecßend dargeftellt; entweder als Bodhifattva oder
—- wie im vorliegenden Fall — als Mönch bzw. als Priefter. So ift er bekleidet mit der
Mönchskutte, der Kopf ift gefchoren, dod) nicht wie bei den Buddhadarftellungen mit
kleinen hügelartigen oder fpiralförmigen Haarenden, fondern kal)l; wie ein Buddha aber
hat auch er das Gleisheitszeicßen an der Stirn und die lang ausgereckten Ohrläppchen
fowie die klargezogenen Halsfalten. Die Augen find leidet geöffnet und die Pupillen
hineingemalt, alfo nicht mehr blicklos wie vor der Cempyozeit. Die Lippen find kräftig
gefchwungen und voll, ein Erbe der Jogwankunft; die breiten und feften Nafenflügel
geben den frei auffd)wingenden Kurven der Nafe und der Augenbrauen einen fieberen
Halt. Menfd)liches erfcheint i)ier in höherer, kräftiger und geläuterter Form als Kraft,
Güte und Heiterkeit; wie denn überhaupt diefe Grundzüge im Oftafiatifd)en immer dort
erfcheinen, wo das Abendland Glück und Liebe zu fetjen gewohnt ift.

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