Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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nach Bewegungsreizen, aber aud) nach naturaliftifcßer Geftaltung, das der Spätgotik
eignet. Die fd)wäd)lid)en Gefimfe find wohl aus demfelben gotifdjen Empfinden zu
deuten; fie follen das Ganze nicht zerlegen, die Bewegung nicht aufhalten. Das 3urück-
drängen italienifcfyer Formen findet fidt) auch im Spätwerk anderer Meifter, bei Daucßer
dürfte es weniger aus einem Sid)-Finden, als aus einem Fehlen von anderen An-
regungen zu erklären fein. Verglichen mit dem Baumeifter der Kapelle ift er der
fd)wäd)ere, dennoch bleibt der Schritt, den er aus der mittelalterlichen Gebundenheit
getan hat» felbft wenn er nicht fo abfolut und konfequent ift, groß. Für ihn bedeutet
die italienifche Renaiffance nicht eine neue Sprache, fondern in erfter Linie Befreiung
von gotifcher Äbftraktheit zu lebensvollerer Organik.
Eine Madonnentafel des Barnaba da Modena
Mit einer Tafel

Diefer norditalienifche Maler aus der zweiten Fjälfte des 14. Jahrhunderts, der 1367
in Genua anfäffig ift (Ä. Venturi in 0)ieme-Beckers Künftlerlexikon), dürfte im Sinne
unferer 3eit, die wieder eine ausgefprochene Neigung für die ürecentomalerei
bekundet und der die fogenannten Primitiven jedweder Provenienz näher ftehen als die
klaffifcßen Repräfentanten der ßocßrenaiffance, eine wefentlid) höhere Einfettung er-
fahren, als fie im allgemeinen Venturi (a. a. O.) gibt, der Barnaba kurzerhand einen
„hinter feinen 3ßitgenoffen zurückgebliebenen Künftler“ nennt und als Ort der Aus-
bildung Siena oder Pifa namhaft macht. Schon diefe Fjypothefe fteht wie Sirens neues
und grundlegendes Buch über die üoscanifchen Maler im 13. Jahrhundert1 beftätigt,
auf fehr fchwachen Füßen, da beftimmt von einem „Oder“ gar keine Rede fein kann,
m Gegenteil: Die Gegenfätjlichkeit in der künftlerifctjen Einteilung wie fie — allgemein
Igefehen — beiden Malerfcßulen eignet, ift auch innerhalb der fchulmäßigen Überlieferung
fo eminent, daß gewiffe Merkmale leicht auf den erften Blick erkennbar find, wenn
die künftlerifche Herkunft aus einem der beiden genannten Orte überhaupt befteht. dnd
daß dies bei Barnaba da Modena der Fall, beweift grade die hier reproduzierte, vor-
trefflich erhaltene und wie mir fcheinen will, auch künftlerifd) außerordentlich fyiupathifcße
Cafel. Denn diefe weift deutlich alle 3eichen der Pifaner Überlieferung, die von Giunta
Pisano ausgeht und länger als die übrigen Malerfct)ulen Coscanas an der „Maniera
greca“, d. ß. am byzantinifchen Stil fefthält, der, trifft die 3ufchreibung überhaupt zu,
auf unferer üafel noch ftark fpürbar ift2. Nur vergleichsweife fei hier auf die bei Siren
reproduzierte Üafel38 verwiefen, die eine Madonna mit der Rofe des LuccheserMeifters
Deodato Orlandi reproduziert und die, wenn auch wefentlid) früher, doch eine bereits
fehr viel ftärkere Auflockerung aus der Gebundenheit der byzantinifchen Manier er-
kennen läßt. Barnabas Altartafel dagegen hat noch den ftrengen Sgraffitoftrich und
jene Gefchloffenheit der Kompofition, die grade unfere modernen Künftler an folchem
Klerk vor allem feffelt. Dabei verrät der malerifche Eindruck diefer Bilder, vornehmlich
der Gegenfafe des fcßwarzblauen Mantels der Madonna zu dem dunkelroten Gewand
derfelben und dem karmoifinroten Kleid des Kindes (das Ganze auf Goldgrund), eine
Kultur des Gefchmackes, daß feßon in öüertung des rein Malerifchen der Urheber diefes
Bildes berechtigt wäre, kunftgefchicßtlich einen hervorragenden Plats zu behaupten. Auch
die unterhalb des Madonnenbildes angebrachte Gruppe des Schmerzensmannes zwifchen
Maria und Johannes, flankiert von zwei Fjeiligen, läßt im Kleinen eine zeießnerifeh
fehr fichere fjand und jene Gefcßloffenßeit im Kompofitionellen erkennen, die trotzdem
nicht oßne inneres Leben ift. Biermann.
1 Bei Paul Caffirer, Berlin.
2 3u Barnaba da Modena vgl. ferner Corr. Ricci im Burlington Magazine Nov. 1913.
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