Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Das grapt)ifd>e Werk von Felix Mefeck
Mit zwei Tafeln und einer Textabbildung Von OTTO HOLTZE
In Felix Mefecks reifen graphifchen Arbeiten wirken ein ungewöhnliches, im Laufe zehnjährigen
Strebens beftändig verfeinertes Linienempfinden und ein fidjeres, durch Selbfterziehung ge-
läutertes Gefühl für in fiel) ruhende Bildform zufammen. Der Künftler hat neben zahlreichen
Einzelblättern eine größere Reihe radierter 3yklen zu großen Dichtungen gefchaffen, zu Goethes
Prometheus, zum Hamlet, zu Kleifts Penthefilea und zur Literatur der Romantik, hält fich darin
aber feiten illuftrierend an Einzelheiten; in feiner Kunft ift das Spiel der Linien und Formen fid)
felbft genug und in ihren Maßen und Verhältniffen rul)t eine heimliche Harmonie, die die Phan-
tape allein befreit und beglückt.
Mefeck hat feine eigentümliche Geftaltungsv/eife, die Reinheit feiner Linie und das nur mit
graphifchen Mitteln erzielte klare Ebenmaß des Bildaufbaues allerdings nicht von Anfang an be-
feffen. In feiner erften umfaffenden graphifchen Arbeit, den 15 Radierungen zu Goethes
Fauft, die 1913 entftanden und im folgenden Jahre bei I. B. Neumann erfd)ienen pnd, ift er noch
in höherem Grade als in den fpäteren 3yklen Illuftrator und zeichnet unbekümmert, was ihn ge-
rade an dem Stoffe packt, und er hängt noch am Stoffe. Über der Liefe der Dichtung gleitet er
häupg hinweg. Ihn feffelt die Wirklichkeit und an ihr alles Seltfame, Sonderbare und Bizarre, und
feine Linie, völlig feinem Impulfe folgend, fkizzierend, rafch anfe^end und kurz abbrechend, hebt
gerade diefe Seite des Lebens mit unverkennbarer Luft an biffigen Sarkasmen hervor. Der Ofter-
fpaziergang ift eine Sammlung fkurriler Phypognomien, und den 3errbildern menfchlicher Lafter
und Leidenfehaften im orgiaftifchen Fjexentanz der Walpurgisnacht widmet er zwei Blätter, in
denen unvermittelte 3ufälligkeit des Bildausfchnittes, Draftik üppiger Formenfülle, heftig quirlende
und fprudelnde Linienfchnörkel, unruhiges Lanzen der Lichter und Fjufchen der Schatten eine
barock-phantaftifcbe Gefamtwirkung ergeben. Eine kritifdje, fkeptifche Art der Beobachtung ent-
kleidet das Behagen der Kleinftadtbürger auf dem „Ofterfpaziergang“ jeder Gutmütigkeit. Auf
der Szene im Dom wird Gretchens Gebet zur Nebenfache, doch mit fatirifchem Vergnügen reiht
Mefeck in der plärrenden Gemeinde Kopf an Kopf mit verfchrobenen Formen, in denen pd) nichts
regt als dumpfe Bigotterie. In diefer Richtung auf Draftik und Karikatur geht das ßomunkulusblatt
am weiteften. In phantaftifchem Fjelldunkel von weitem Schattenraum grell aus der Retorte be-
leuchtet, ftarrt Wagner durch einen auf der Nafe balancierenden Klemmer mit dem Ausdruck un-
fäglid) befchränkter Selbftzufriedenheit auf die wohlgelungene 3üd)tung. Die wenigen großen
tragifchen Augenblicke, die Mefeck in feiner Darftellung aufgenomen hat, pnd ziemlich äußerlich
und theatralifch erfaßt; doch überrafcht eine Landfchaft mit Fluß und pnkender Sonne durch tiefen
Stimmungsgehalt. Die Radierungen zum Fauft, mit hurtiger fjandfehrift hiugeworfen, löfen die
Formen ftellenweife ftark auf. Diefe impreffionipifche fjaltung, die Vorliebe für alles Groteske,
die unruhigen Kurven und Windungen des Striches, die oft an Großmann erinnern, wagen pd>
in 3ukunft nur vereinzelt wieder vor. Das Fragmentarifche der Bilderfcheinung wird von einem
entgegengefetjten Formideal abgelöft.
Im Innern des Künftlers fcheint während der fünf Kriegsjahre, in denen er feine Arbeit unter-
brechen mußte, eine tiefe Veränderung vor pd) gegangen zu fein, jedenfalls zeigen fchon einige

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