Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Sammlungen
Vom Kurpfälzifdjen Mufeum in
Heidelberg
Das kurpfälzifcße Mufeum ift durch eine von
feinftem Gefd)mack geleitete Neuordnung des
Direktors Dr. K. Lobmeyer in die Reibe der reiz-
vollften deutfcbenMufeen aufgerückt. Äls im Jabre
1908 die damaligen Städtifcben Sammlungen
aus dem Schloß in den prächtigen, von Hdam
Breunig 1712 gefcßaffenen Barockbau überfiedel-
ten, fanden fie bier zuerft einen würdigen und,
durd) den Charakter des alten Patrizierbaufes
bedingten, intimen Rahmen. Die alte Graim-
bergfcbe Sammlung, durch Schenkungen und
Ankäufe bedeutend erweitert, barg eine Fülle
von wertvollem Material befonders aus der
Gefd)id)te der Kurpfalz und an altdeutfchen
Klerken. Daneben aber batten fid) allzuviele
Dinge von rein lokalgefd)id)tlid)em Intereffe
eingeniftet, Photographien von Dozenten und
Studentenverbindungen und manches andere,
was fid) eben an den Nimbus einer alten üni-
verfitätsftadt heftet, was aber von irgendwelcher
weitergebenden Bedeutung nicht war. Hier bat
nun Dr. Lobmeyer in energifcber, dankenswerter
tüeife Ordnung und dadurch Raum gefchaffen
für vieles wertvolle, was im Magazin, faft un-
bekannt, verftaubte. Ausgehend von dem Ge-
fld)tspunkte, die Kunftblüte der Kurpfälzifd)en
Lande, die durd) die großzügigen und bildungs-
freudigen F>errfd)er der Pfalz geleitet wurde,
im organifcben 3ufammenbang zu entwickeln
(daher auch der 1921 gewählte Name „Kurpfäl-
zifches Mufeum“), beherrfchen das Creppenßaus
zunächft die Porträts der Kurfürften und ihrer
Gemahlinnen, COerke v. G.Desmarees, J.H.Brandt,
J. G. 3iefenis und anderen, während die erften
Räume den altdeutfchen Meiftern gewidmet find,
eine Erinnerung zugleich an die Sammlung
Boifferee, die etwa von 1811 bis 1819 in Heidel-
berg war. Huf Einzelheiten einzugehen verbietet
leider der Raum, erwähnt feien nur der köftliche
Hpoftelaltar des Cilman Riemenfehneider, ein
Hausbucbmeifter, zwei unbekannte Bildniffe von
Lukas Cranacb und ein H- S. Bebam. Gruben,
Schränke, Ältärchen und Plapiken aus Klofter-
bepß bringen rbytbmifcbe Belebung und Cäfuren,
wie überhaupt in allen Räumen Klert darauf
gelegt wurde, Einförmigkeit zu vermeiden und

durd) Mobiliar ein wohnliches Husfehen zu er-
reichen. Die folgenden Räume, die die Epod)e
Karl Ludwigs von der Pfalz bis zu der Karl
Cßeodors umfaffen, find im wefentlid)en Reprä-
fentanten der Tätigkeit der Hofmaler diefer
Herrfcber. J. B. de Ruell, ]. F. van Douven, Des-
marees und 3iefenis (diefer mit einem feinßnnigen
Porträt des kurpfälzifcßenMinipers von Sickingen
und dem einzigen, nach der Natur gemalten
Porträt Friedrich des Großen) feien genannt.
Der große Oberlicbtfaal diefes Gefcßoffes birgt
die wertvollften Stücke der Sammlung, farben-
klare, leuchtende Niederländer (Kalff, Cerbord),
Ruisdael, Klouvermann, Hobbema, Netfeber und
andere), Italiener und Deutfche des 18. Jahr-
hunderts (befonders reizvoll das Kliener Stuben-
mädchen von Oelenbeinz) und fcbließlid) Jaques
Fouquieres’ große Schloß- und Stadtanpcbt um
1618, das erfte größer gefabene Heidelberger
Landfcbaftsbild. Den ftärkßen Eindruck aber
hinterläßt wohl der große Prunkfaal des Mittel-
baues, in dem nur die drei Farben Kleiß, Blau
und Gold fpreeßen. Mit köftlicben Stuckierungen
von der Hand des Frankenthaler Meißers K. Link
und feiner Schüler gefcßmückt, die pcß in leuch-
tendem Kleiß wirkungsvoll von graublauem
Grunde abheben und wie große ttledgewood-
platten mit goldenen Rofettennägeln an die
Kland geheftet erfeßeinen (es ift dies die jetjt
wiederhergepellte, am Ende des 18. Jahrhunderts
gefeßaffene Originalbemalung), enthält er die in
großen, freifteßenden Vitrinen verteilte reieß-
ßaltigpe und erwäßltepe Sammlung von Franken-
thaler Porzellan. Ißm Tchließt fleh an zur Rechten
das „Pompejanifcße 3immer“ (feßwarzgriindige
Cüandmalereien des F. Deurer) mit fcltenen
Fayencen, zur Linken das in zartes Gelb ge-
tauchte Seidentapetenzimmer in der Original-
auspattung von 1780. Die Durchblicke aus dem
Mittelfaal in die beiden anfcßließenden Räume
pnd von zwingender Klirkung.—Das Obergefcßoß
enthält in der Hauptfacße Klerke der Heidelberger
Malerromantik, jenem bedeutenden Faktor in
der deutfeßen Kunpgefd)id)te, der erp 1919 durch
eine Sonderauspellung des Mufeums ins rechte
Ließt gerückt wurde. Ein Biedermeierzimmer
mit alten aus Scßwetjingen pammenden Möbeln,
bringt uns in die rechte Stimmung. Huf fein-
getönten iHänden pnd die Klerke Rottmanns,
der Gebrüder Foßr und Fries, G. P. Schmitts,
G. KI. Iffels und andere verteilt. Huch die Hb-

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