Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Die keramifcße üierbildnerei der lebten Jahrzehnte beßerrfchen zwei verfcßiedene
Strömungen. Die eine zielt auf eine in Form und Farbe bis zu möglich ft „pßoto-
grapßifcßer“ Creue gefteigerte Kliedergabe des Vorbildes; die andere, künftlerifcß un-
gleich) wertvollere, die, von Kopenhagen ausgehend, das gefamte europäifcße Porzellan
immer mehr und mehr in ihren Bann zog, fiept im 3eicßen des Impreffionismus. Die
jüngften Schöpfungen beweifen jedoch deutlich, daß ein neuer Klille, der diefen Strö-
mungen entgegengefetp gerichtet ift, zur Fjerrfcßaft ftrebt. Die größere Selbftändigkeit
des einzelnen gegenüber der Natur, wie fie an den neueften Erzeugniffen der führen-
den Manufakturen Deutfcßlands und der für fie oder für pcß fcßaffenden Künftler zu
beobachten ift, ift doch riur zum Deil ein Ergebnis individuellerer und zieibewußterer
Behandlung des jeweils gewählten Materials und der angewandten Decßnik. Kleit
mehr ift ße docß eine Frud)t unendlich liebevoller Befd)äftigung mit den dargeftellten
Gefchöpfen, und zwar nicht mehr fo lediglich und in erfter Linie mit ihrem Äußeren
und dem Charakter ihrer Raffe, fondern ganz befonders mit dem Kiefen des einzelnen
Dieres, mit feiner — freilich ja noch vielfach geleugneten — Seele, deren Regungen
oft in überrafchenden, aber erftaunlicß fprecßenden 3ügen feftgehalteh erfcheinen. Für
die glücklichften Ärbeiten diefer Art allerdings ift das Klort „Feftßalten“ viel zu nicßts-
fagend. Bei ihnen ift es ein pcßeres Erfaßen und darauf folgendes künftlerifcßes
Verarbeiten des Eindrucks, ift es das felbftändige Schaffen eines fo in der Natur nie
und nirgends vorhandenen Dierindividuums voll Stil. Der Grad der Stilifierung von
Form und Farbe ift überaus verfcßieden; mehr als fonft jedenfalls Rückßcßt nehmend
auf Material und Decßnik, in der Fjauptfacße aber gewollt als Mittel zur Steigerung
des gefuchten Ausdrucks, meift erfolgreich), gelegentlich freilich auch tatfäcßlich gefucht,
gequält, und dann nicht gerade befriedigend. Da gilt es noch zu klären.
ünd hierzu Geeigneteres ließ pcß nicht leicht ßnden als der Überblick über eine
Menge keramifcher Oerdarftellungen gar vieler feiten und Völker, die die Schau des
deutfchen Schaffens der Gegenwart ergänzte. Nichts trägt mehr zum Verftändnis neuen
Kunftwollens bei, ftellt Richtungen, ihre Stärke und ihre Klerte in fcßärfere Beleuch-
tung als eine Gegenüberftellung von neuem Geift erfüllter Schöpfungen, des Modernen,
mit dem zur Zeit Üblichen, dem noch Modernen, einerfeits und mit Klerken früherer
Epochen und fremder Kulturen andererfeits. Aber auch nichts läßt beffer gewiß'e
Grenzen erkennen, die nicht ohne Schaden überfcßritten werden können, und nichts
zeigt klarer die ungeheuer mannigfachen Möglichkeiten ungekünftelter Geftaltung, als
ein Blick in die Vergangenheit. Mit vollem Recht beßerrfcßte ihn in diefem Falle
Kändlers Glanzleiftung, der Meißner Kakadu von 1734, in dem natürliche, temperament-
vollfte Lebendigkeit zum feinften, prickelnd reizvollen Rokokoornament geworden ift.

Von ROBERT SCHMIDT / Mit
vier Abbildungen auf zwei Tafeln


Im 3eitalter der Eifenbaßnen, der Mafcßinen und der induftriellen Großbetriebe ift
meßr als einer handwerklichen Kunftbetätigung das üotenglöcklein geläutet worden.
So faft durchweg dem, was wir als „Volkskunft“ bezeichnen. Nur wenn eine voll-
wertige, zielbewußte Künftlerperfönlid)keil fiep eines abfterbenden Fjandwerks verftändnis-
voll angenommen hat, vermochte es noch meßr oder weniger konkurrenzfähig zu bleiben,
und aucß nur dann, wenn ein Publikum vorhanden oder erzogen worden ift, das den Klert
der individuellen Landarbeit gegenüber der induftriellen Maffenware zu fcßü^en weiß.
Gewiß, manchem 3weige untergegangener Volkskunft brauchen wir keine Dränen
nacßzuweinen, denn er hatte ficß einfach überlebt, feine Erzeugniffe hatten keinen
lebendigen 3ufammenßang meßr mit den Bedürfniffen einer fortgefcßrittenen Kultur.
Daß dabei aber manche wundervolle Decßnik aucß mit verloren gegangen ift icß er-

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