Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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das in Breifach felbft in ungünftiger Beleuchtung ftept, voll und ganz erfcpließen. In
gleicher vorbildlicher und ungemein eindrucksvoller Heife find die übrigen Herke der
Breifacher Herkftatt zur Anjcpauung gebracht: der Mutter-Anna-Altar im Freiburger
Münfter, die Heiligenfiguren in Reutte und vor allem der Niederrotweiler Ältar (Äbb.
S. 118).
Rückfchauend ergibt fiel) ein gefcploffenes Bild der Entwicklung der deutfehen Plaftik.
Ohne daß Vollftändigkeit angeftrebt wäre, find doch die grundfalschen ftiliftifchen (und
damit geiftigen) Handlungen lückenlos zu überblicken. Einzelwerke, zufammengehörige
Herkftattgruppen treten in gebührender Heife hervor; ihr tiefftes Hefen und damit das
Hefen der deutfehen Plaftik des Mittelalters klärt p<h jedoch vor allem durch die Möglichkeit,
ihre Verflechtung in den Gefamtverlauf der formalen Entwicklung überfehen zu können.

Parifer Chronik
Der kunfthiftorifche Kongreß 1921 / Der letzte Herbftfalon / Graphiken
von Corot bei Garrec / Schwarzweiß-Ausftellung in der Galerie Heill /
Vlaminck bei Bernheim Jeune / Ifaac Grünewald in der Galerie La
Licorne / Äusftellungen in den Cafes des Boulevard Montparnaffe
Mit zwei Abbildungen auf einer Tafel Von ADOLPHE BASLER

Bevor ich über die jüngften künftlerifchen Ereigniffe berichte, möchte ich zunäepft
noch einige Anmerkungen zu dem kunfthiftorifchen Kongreß geben, der hier in
den letzten Septembertagen des vergangenen Jahres die bedeutendften Gelehrten,
Mufeumsleiter und Sammler aller Länder zufammenführte. Namen wie Andre Michel,
Koed)lin, Venturi, Baldwin Brown, Dr. Ganz, Charles Diel, Lutlowfki, Dr. Glück feien
genannt, um das wirklich internationale Gepräge diefer Cagung zu kennzeichnen. ün-
verftändlid) bleibt nur die vollftändige Boykottierung der modernen Kunftkritik. Das
Verdienft irgendeines Spezialiften der arabifchen Kunft des 12. Jahrhunderts fcheint
man höher zu meffen als die Arbeiten Meier-Graefes, die unverkennbar zur Erkenntnis
der modernen franzöfifchen Kunftentwicklung Bedeutendes beigetragen haben, diefer
Kunft, die gerade augenblicklich in höchftem Maße die gefamte moderne Kulturwelt
befchäftigt. Mißt man fcßon einer Studie über arabifdje Epigraphe mehr Bedeutung
bei als den tieffchürfenden Monographien Meier-Graefes über Cezanne, Courbet oder
van Gogh, fo ift es unverzeihlich, diefe Arbeiten einfach zu übergehen. Unverftändlich
bleibt auch die Gleichgültigkeit der Parifer Kritik diefem Kongreß gegenüber, der den-
noch ein großes Ereignis bedeutete. So hinterließen äußerft intereffante Eindrücke
Debatten über die Reinigung alter Gemälde. Ein Vortrag in der Sorbonne über den
Einfluß der franzöfifchen Kunft in Norwegen, mit Lichtbildern nach Herken von Manet,
Renoir, Cezanne und van Gogh illuftriert, gepalten von Prof. Cpieß, dem Direktor des
Mufeums in Cpriftiania, erregte ebenfalls lebhafte Aufmerkfamkeit. Auffallend war
fchließlicp noch die rege Ceilnahme, die die Vertreter der jungen 3ivilifationen, der
Skandinavier, Cfchechoflowaken, Jugoflawen, Bulgaren und Rumänen bewiefen, die
neben den Abgefandten der alten Kulturnationen, unter denen man felbft Cpinefen
nicpt vermißte, diefer Cagung beiwohnten.
Ein anderes wichtiges Ereignis der lebten Saifon war die Eröffnung des Herbftfalons,
der diefes Mal, alle Richtungen vereinigend, einen befonders glänzenden Eindruck
hinterließ. Segonzac, der Holländer Kikert, Gromaire und Alix bewiefen mit ihren
Bildern den Hillen zu einer neuen kompakten Darftellungsweife, ein Kennzeichen für
diefe neue Schule, die gleicpfam eine Reaktion auf die leichte Malweife der Impreffio-

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