Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Die Plaftikausftellung der Badifcben Kunfthalle

Von HANS CURJEL

Mit sieben Abbildungen auf drei Tafeln

nzelne Klerke der mittelalterlichen deut[d)en Plaftik, auch einzelne Klerkgruppen,


wie die Bamberger oder Naumburger etwa, find allgemein bekannt und gefd)ät$t,

J—4 ihre Entwicklungsgefd)id)te im ganzen jedoch ift weiteren Kreifen fo gut wie un-
bekannt, obwohl gerade h^r die populäre Kliffenfdjaft — es fei an Sauerlandts vor-
zügliche „Deutfche Plaftik des Mittelalters“ erinnert — wertvolle Pionierarbeit geleiftet
hat. 3ugleid) ift die mittelalterliche Plaftik, für die der Sinn heute vielleicht ftärker
lebt als je, in bezug auf ihr eigentliches Kiefen nur allzu oft fchiefer Beurteilung aus-
gefefet. Klas den einen als primitiv, als das unbeholfene und fteife Stammeln des
„dunklen“ Mittelalters erfrfjeint, bedeutet für die anderen, für die modernen Romantiker,
fchwärmerifche Myftik, glühende Ekftafe der Seele, Abkehr vom Leiblichen. Beide Vor-
stellungen find zu fubjektiv, als daß die das Kiefen der mittelalterlichen Plaftik wirk-
lich) träfen; fie konnten entftehen, weil in den meiften Fällen, in denen man fict) vom
allgemein Künftlerifdjen her diefen Klerken näherte, das Erlebnis einzelner Klerke die
allgemeine Vorftellung beftimmte. Ein zufammenhängender Überblick über die Ent-
wicklung diefer Kunft, der bei abfoluter Klertung des einzelnen Klerkes und feiner
gleichzeitigen Einfügung in den Gefamtverlauf die formalen ^Handlungen klar vor Äugen
führt, wird jedoch immer einen Grundpfeiler für die Erkenntnis ihres eigentlichen Kiefens
bilden müffen; ein foldjer Überblick ift bis heute allein an Fjand wiffenfchaftlicher Klerke
möglich, die felbft jedoch meiftens unter lückenhaftem und mehr fummarifchem Äb-
bildungsmaterial leiden, und denen ihrer Natur nach eine breitere Klirkung verfagt
bleiben muß. Der deutfche ürocadero exiftiert nicht und wird wohl vorerft nicht
jexiftieren; aber auch ein diefer Kunft würdige Äbbildungskodex liegt nicht vor.
Ausheilungen werden \)izr zunächft berufen fein, die Lücken zu füllen. Die gegen-
wärtige Karlsruher Plaftikausftellung bedeutet hierzu einen grundfätjlich wichtigen
Schritt, denn fd)on ihr tedjnifcher Aufbau, das Äusftellungsmaterial, eröffnet neue Per-
Jpektiven und Möglichkeiten. Bei Ausheilungen mittelalterlicher Plaftik wird die Reproduk-
tion naturgemäß immer eine große Rolle fpielen, weil die Originalwerke nod) in den meiften
Fällen mit ihrem urfprünglid)en Beftimmungsort verankert find. An Reproduktionen flehen
zur Verfügung: Gipsabgüffe und photographifche Aufnahmen. Beide fmd von Dr. Stordc
in Karlsruhe zu methodifd) vorbildlicher Verwendung gebracht. Der Eindruck der ted)-
nifd) überrafd)enden Gipsabgüffe— es handelt fich um folche des Freiburger Münfters —
ift geradezu fd)lagend, weil durch he die am Bauwerk dem Äuge ferngerückten und
in das Klerk verwobenen plaftifchen Klerke plötzlich in nächfter Nähe in originaler
Größe erfcheinen. Ihre eigentlichen, rein plaftifchen Eigenfchaften kommen überdies durch
die Loslöfung vom Bauwerk erft zu voller Klirkung, ja man könnte nahezu von einer
Art plaftifcher Rekonftruktiort fprechen, weil fie das plaftifche Klerk, das ohnehin im all-
gemeinen „avant la pose“ in der Klerkftatt und nicht an der Bauftelle felbft entftanden
ift, wiedergeben, wie es der mittelalterliche Bildner in der Klerkftatt, alfo in Nahficht,
gefchaffen hat. Neben den Äbgüffen fpielen die photographifd)en Reproduktionen eine
wefentliche Rolle. Die fchon in verfdjiedenen Städten Deutfdjlands mit Erfolg aus-
geftellte Sammlung von Vergrößerungen nach fpätgotifchen Bildwerken, die Profeffor
v. Grolman, Kliesbaden, zufammengeftellt hat, bot in Karlsruhe zunächft die Grundlage.
Aber Dr. Storck hat den Gedanken, photographifche Vergrößerungen zu benutzen, in
weitem ümfang ausgebaut und eigentlich erft fruchtbar gemacht. Die Vergrößerungen
find zum üeil bis zur Größe des reproduzierten Originalwerkes gebracht und in ge-
fteigertem Maß werden Details vorgeführt, durch die die Kliedergabe des einzelnen
iKIerkes plötjlid) eine ungeahnte Lebendigkeit und Eindringlichkeit erhält. Daß folche
Vergrößerungen von packender, oft in der Uat mitreißender Schönheitsgewalt find, ift

Der Cicerone, XIV. Jaljrg., ßeft 3

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