Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Otljon Friesz / 3U [einem Bilde „Buddhatempel im Palmenhain“
Mit einer Tafel
Unter den Malern, die in Frankreich das Erbe eines Cezanne am folgericßtigften
übernommen und fortgeführt haben, fteht der 1879 in Le Fjävre geborene Franzofe
Friesz mit an erfter Stelle. Man hat ihn lange 3eit und befonders gern in Deutfcß-
land mit feinem Altersgenoffen Andre Derain in einem Atem genannt, obwohl die inter-
nationale Klertung dem letztgenannten inzwifchen einen wefentlicß höheren Rang zu-
gebilligt hat, als ihn Friesz heute zu behaupten vermag, Uroßdem ift fein Name in der
Kielt bekannt geworden und Klerke feiner Fjand umfchreiben für fid) ein wefentlidjes
Kapitel neuefter Malerei, das weniger unter dem Geficßtspunkt national begrenzter Ein-
fettung als vielmehr dem kosmopolitifcher Einfühlung in das Kiefen diefer von allen
führenden Kräften gleich ftark empfundenen neuen künftlerifchen Ausdrucksform feine
Geltung hat. Friesz, ein anerkannter Führer der jungfranzöfifchen Schule, ift einer der
typifcßften Vertreter der nach-impreffioniftifchen Malerei und hat als folcher den etwas
ftarren Doktrinarismus der reinen Cezanne-Epigonen (zu denen übrigens auch Derain
nicht zählt) wieder in eine gewiffe Annäherung an Naturnähe umgebogen. Mehr viel-
leicht als an Cezanne ift innerlich feine Kunft an Gauguin gewachfen, obwohl folche
Parallele bei weitem nicht das Klefensftarke und Eigenwillige einer Kunft, wie fie diefer
Künftler darbietet, zu erfchöpfen vermag. Im Gegenteil: Klenn neben Derain einer im
modernen Frankreich dem bildmäßig konftruktiven Element den 3auber eines reinen
Kolorismus gegenübergeftellt hat, dann ift Friesz derjenige, der durch die Schönheit
feiner durchaus aparten Farbenftimmung, für die franzöfifche Kunftkritik das treffliche
Klon von der „culture de la peinture“ geprägt hat, überzeugt.
In Deutfcßiand hat man die Bedeutung von Othon Friesz früher erkannt als in anderen
Ländern. Die Berliner Sezefßion hat ihn mehrfach als Gaft gefehen. Auf der Kölner
Sonderbund-Ausftellung war er eine feßr refpektable Catfache und 1913 hat ihm Paul
Caffirer bereits eine Koliektivausftellung gewidmet, über die gerade an diefer Stelle
feinerzeit ausführlich berichtet worden ift (Cicerone V, S. 213). Von diefer Ausftellung
her find zahlreiche Klerke diefes Franzofen damals in Deutfchland geblieben und auch
das hier abgebildete Klerk entftammt deutfchem Privatbefitz- — So wenig man bei der
Kliedergabe eines folgen Stückes die Farbe entbehren könnte, weil diefe in der deut-
fcßen Kunft niemals erlebte Fjarmonie von Rofa und Grün fiel) einfarbig in dem Be-
wußtfein des Befcßauers vermitteln läßt, fo feßr bezwingt doch auch in folcher Repro-
duktion die Größe des rein formalen Bildgedankens. Diefer „Buddhatempel im Palmen-
hain“ ift troß feiner rein malerifcßen Schönheit letzten Endes ein Stüde innerlich erlebter
Schöpfung. Scheinbar anfprucßslos in der reinen 3ufälligkeit eines nicht meßr der Natur
abgelaufcßten Motivs, ift er dafür um fo meßr Ausdruck einer feftbeftimmten areßitek-
tonifd) empfundenen Bildeinheit. Qnd diefer Fjinweis gibt und unterftreießt für fieß auch
vielfagend jene oben erwähnte Beziehung zu Cezanne als dem eigentlichen Klegbereiter
neuer franzöfifeßen Malerei, die etwa dureß das Klerk eines Derain, eines Friesz und
(in mäßigem Abftand dahinter) eines Vlamindc gekennzeichnet ift.
Kler im übrigen — wie der Schreiber diefer 3eilen — einen üeil des [bisherigen
Oeuvres eines Othon Friesz in feiner Cotalität überfeßaut, vermag aud) das Cemperament
diefes leicht bewegten, allem natürlichen Gefcßeßen und den Szenen realen V olkslebens
zugewandten Sinnes richtig zu begreifen und wird — unabhängig von der rein
künftlerifcßen Leiftung, immer einem Meifter wie Friesz feine Sympathie entgegen-
bringen, dem in fo wundervoller Kleife auch der Sinn für das innere Sein und Kiefen
diefer unferer 3eit vertraut ift.

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