Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Das Porträt der Lady Carolyn Spencer
von Reynolds
Mit einer Tafel
Reynolds und Gainsborough find die repräfentativen Vertreter der englifchen Bildnis-
malerei des 18. Jahrhunderts und in gewiffem Sinne noch bis heute für das
“ mondäne England tonangebend geblieben. Sie vor allem neben Lawrence,
Romney und einigen anderen, denen aber kunftgefchichtlid) nicht die gleiche Bedeutung
zukommt, hüben das englifche Gefellfchaftsbild gefchaffen, deffen eigentlicher Begründer
5ans Fjolbein der Jüngere gewefen ift. Ähnlich wie die bevorzugten Bildnismaler zur
3eit Rembrandts oder die Parifer Paftelliften vom Cyp der La Cour und Perronneau
haben diefe beiden Meifter des englifchen Porträts der nach äußerer Repräfentation
verlangenden guten Gefellfchaft des Infelreiches den Rahmen gegeben, in dem der Geift
diefes 3eitalters wie in letzter Synthefe verkörpert erfd)eint. ünd doch find auch fie
nur die Erben der hinter ihnen liegenden Cradition gewefen; denn die eigentliche Quelle
ihrer Kunft entfpringt der italienifchen Renaiffance (weniger dem Schaffen FJolbeins,
deffen wahre Größe diefem Jahrhundert nicht mehr erkennbar war). Vor allem von
der Lagune, aus der Überlieferung der Cizian, Cintoretto und Veronefe entnehmen fie
die überzeugende repräfentative Formel; und rein malerifd) ftehen fogar Rubens und
zuweilen felbft Rembrandt hinter ihrem Schaffen. Aber ihrem Engländertum lag das
Rokoko felbft weniger, das fie mit kühner Überzeugtheit vielmehr ins Klaffiziftifdt>e um-
biegen. — Diefe Schule der großen englifchen Bildnismaler hat bis auf den heutigen
Lag Weltgeltung behalten und es ift ja zur Genüge bekannt, wie gerade der amerika-
nifdje Sammler nach den Werken diefer Meifter verlangt hat und noch täglich ver-
langt. Dafür gibt der kürzlich mitgeteilte Verkauf des Gainsboroughfchen „Blue Boy“
und des Reynoldfdjen Bildniffes der Mrs. Siddons als tragifche Mufe, die beide nie
vorher erlebte Rekordpreife erzielten, einen unzweideutigen Beweis. Für den Kenner
mag es im übrigen nicht leicht fein zu entfcßeiden, welchem der beiden Maler in der
Cat der Vorrang gebührt. Was Gainsborough vielleicht an Brillanz des Pinfels und an
Leichtigkeit des malerifchen Wurfs feinem älteren Kollegen voraus hat, erfetjt diefer
durd) eine ftarke Innerlichkeit in der Darftellung, fo daß fcßon Mutßer mit Recht dem
„Poeten“ Gainsborough den feinen „Denker“ Reynolds gegenüberftellte. Diefe Art des
vor allem Reflektiven in der Bildnisauffaffung begegnet man auch auf dem hier ver-
öffentlichten Porträt der Lady Carolyn Spencer (öl auf Leinwand 102X87 cm), das
ftärker vielleicht als andere Arbeiten des Meifters jene fchon oben erwähnte Annäherung
an Rembrandt und die holländifd)e Bildnismalerei des 17. Jahrhunderts bekundet. Die
Dargeftellte, nach Cyp und Auffaffung durchaus charakteriftifch für die Eleganz des
Jahrhunderts, fiijt in einem Park mit nach links gewendetem Blick und hat nachdenk-
lich den Kopf auf die rechte Fjand geftütjt. Sie hat braunes Fjaar und ift in ein lichtes
gelbes Gewand gekleidet. Das Ganze ein Werk von ftärkfter Innerlichkeit in der Auf-
faffung und wunderrvollem fonoren Klang in der an Rembrandt gemahnenden Art der
malerifchen Behandlung. G. B.

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