Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Parifer Chronik

Von ADOLPHE BASLER / Mit
vier Abbildungen auf zwei Tafeln

Vom Kunftmarkt / Ein Jahrhundert f ranzöfifcßer Malerei / Nacßimpreffio-
niften und Nachkubiften bei Bernheim jeune / Cßirico in der Galerie Paul
Guillaume / Societe des peint res graveursfrangais / Vom Kubismus zu einer
plaftifchen Renaiffance / Äusftellung der Stidhe (Hatteaus und Janinets / Der
Hleliernachlaß Renoirs / Severinis Buch: Vom Kubismus zum Klaffizismus

Die Baiffeftimmung auf dem Kunftmarkt fcßeint nacßzulaffen. Die Äntike ift jetjt
ebenfo gefucht wie das 18. Jahrhundert, für das im Botel Drouot ftändig [ehr
hohe Preife erzielt werden. Aber auch die Moderne gewinnt mehr und mehr Boden,
befonders aus Japan findet diefe ihre Abnehmer. Ganze Karawanen von Japanern, be-
kannte japanifche Künftler und reiche Liebhaber, fietü man in letzter 3eit auf der Suche
nach (Berken der impreffioniftifchen Meifter bei den hiefkjen Bändlern herumziehen-
Eine befondere Vorliebe zeigen fie für Cezanne, Renoir, van Gogh, für die Tahitibilder
Gauguins und für Odilon Redon. Auch an den (Berken des 3öllners Rouffeau fcheinen
fie Freude zu finden. Mehrere wertvolle Stücke diefes Meifters nehmen demnächrt ihren
(Beg nach Japan in dortige Privatfammlungen. Das Auge für Picaffo, Derain, Matiffe
dagegen fcheint diefen Leuten zu fehlen. Von der Offenkundigkeit Bonnards erwarten
fie das gleiche wie von Claude Monet, nach deffen Ruhefits Giverny fie wahre (Ball-
fahrten begehen. Ihre Lehrzeit ift noch nicht abgefcßloffen, fo kommen fie zu fpät zum
Verftändnis der aktuellen 3edftrömungen; im umgekehrten Verhältnis zu uns Europäern,
die wir erft die japanifchen Bolzfdmeider des 18. Jahrhunderts bewunderten, um zu
guter Lefet ihre Primitiven zu entdecken. Übrigens ftehen ihnen die Mittel zur Belehrung
bei jedem Schritt in Paris offen, ich möchte \)'m nur die große Kunftausftellung zu-
gunften des Straßburger Mufeums nennen.
Diefe von den Malern Blanche und Lhote veranftaltete Scßauftellung franzöjlfcher
Malerei der vergangenen hundert Jahre, die zu Vergleichen der verfd)iedenen Richtungen
anregen wollte, den „officiels“ und „independants“, war im Grunde eine impofante
Apotheofe auf die vier Meifter Corot, Renoir, Cezanne und Benri Rouffeau.
Selbftverftändlid) will ich in keiner (Beife die anderen großen Koryphäen herabwürdigen,
wie Ingres, Delacroix, Courbet, Manet, die alle Baudry, Bonnat, Carolus Duran in den
Schatten [teilten, deren rohe Schwerfälligkeit oftentativ neben Degas, Lautrec, Sisley,
Gauguin, Matiffe in die Augen fiel. Vor allem aber wollte ich den fo ftark modern
anmutenden Ausdruck Corots betonen, deffen Senfibilität und Schlichtheit, man möchte
Jagen, eines primitiven Meifters uns eigentümlich rühren. Bilder wie die „Algerierin“, „die
Fabrik“ im Befib von Blanche zeigen uns den Ausgangspunkt der 3eitftrömungen. Alle
diefe bis heute wenig bekannten Arbeiten Corots aus den Sammlungen Viau, Blanche,
Languril, Rouart, wie das Porträt Daumiers, die römifche Landfchaft u. a. \)ab2n auf
den Tätigkeitskreis der jungen Künftler tiefen Eindruck ausgeübt. Corot ift plötzlich als
der neue Führer auferftanden. Als eine befonders glückliche Idee muß man die An-
ordnung des Corotfcßen Fabrikbildes zwifcßen den Selbftporträts Benri Rouffeaus, einem
Bildnis feiner jungen Tochter und einer Landfchaft aus der ehemaligen Sammlung Purr-
mann bezeichnen. Diefe Bilder beherrfcßt ein gemeinfamer Ton, ein geiftiger Einklang.
Das volkstümliche Genie Rouffeaus berührt fiel) mit der reinen und zarten Seele Corots,
die tiefften (Bürzeln Corotfcßer Kunft vereinigen fid) mit dem innerften (Befen des
[d)lichten Geiftes des 3öllners, deffen befcßeidene Natur jeder tecßnifchen Kunftfertigkeit
fremd blieb. Von Renoir bewundern wir die Badenden, diefes Bild, obgleich etwas
farblos, bleibt durch feine reinen wie leichten graphifchen Formen, die an Ingres denken
laffen, unvergleichlich impofant, plaftifd) und majeftätifd) wie die größten Schöpfungen
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