Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Vom Sammeln g r a p 1) i fcl) e r Kunft
Sammeln ift keine Narretei, troß allem1. Man foll das Kind nicht mit dem Bade ausfdjütten.
. nEs ift gleich, wofür jemand pcf) begeiftert, wenn er pd) nur begeiftert.“ Der eine füllt feine
Mappen mit Ppanzen, der andere mit Kupferftictjen. Im Grunde ift’s gleich. „Der 3weck
heiligt die Mittel“, infonderheit der aus einer Naturnotwendigkeit heraus erfehnte. Einem folchen,
dem allgemeinen und bepen vielleicht alles Menfchlichen, entfpricht auch das Sammeln: Der Be-
friedigung des Bedürfniffes nach Steigerung der Lebensintenptät, der Freude am Dafein, am
Irdifchen, am Bepß. Das Sammeln von Kunft verknüpft diefem Irdifchen zugleid) eine Ähnung
über pd) felbft hinaus. Denn Kunp ift eine Form der Erlöfung.
Soll man verfuchen, dem Sammler Gefeße zu geben? Beileibe nicht. Er gebe pe pd) felbft.
Darin fchon liegt ein wefentlid)er Reiz der Sammeltätigkeit, deren eine Seite ftets eine organi-
fatorifche fein wird. Dabei fteht am Änfang ftets die Frage nad) den Grenzen des Sammel-
gebietes. Das der Graphik umfaßt bekanntlich die Fjaridzeichnung, den Kupferßid), den Fjolzfdßnitt
und die Lithographie fowie die zahlreichen Varianten der genannten Gebiete2 * *.
Es bedarf kaum eines Beweifes, daß die Fjandzeid)nung das bei weitem reizvollfte unter den
genannten iß8. Sie ift die unmittelbare Niederfchrift des künßlerifchen Erlebniffes, oft mit allen
ünfertigkeiten, aber auch mit aller Unberührtheit eines Neugeborenen. Dazu von einem über-
wältigenden Qmfang an Erfcheinungsformen: Von der Skizze in Blei, Kohle, Feder, Kreide — farbig
gehöht, aquarelliert, auf verfdjiedenßem Papier — reicht pe bis zum vollendeten Kunftwerk — etwa
in den Köpfen eines Pjolbein.
Des Sammlers Fjerz bebt bei diefem Namen, zugleich vor „ttlonne und Schmerz“. Kler kann
heute noch Bandzeichnungen fammeln, wenigftens ältere? Ganz fo trübe wie auf den erßen Blick
pnd aber die Verhältniffe noch nid)t. Es erfcheint uns, ganz abgefehen von der Moderne, die bei
einiger Kennerfchaft ftets und in jeder Beziehung die meiften Vorteile für den Käufer bietet, recht
wohl möglich, auch heute noch mit nicht allzu reichlichen Mitteln etwa den weitgezogenen Kreis
der fogenannten Nazarener und ihrer Gefolgfchaft mit Äuspd)t auf viel Freude und Erfolg zu fammeln.
Das freilich heißt fchon Spezialift werden. Soll man es? Eine fhwerwiegende Frage für den
Liebhaber, die er, heutzutage befonders, früher oder fpäter ftets bejahen wird. Spezialift fein,
darf nicht bedeuten, einfeitig fein. 3umindeft wird man die Verknüpfung mit den Grenzgebieten
nie aus dem Äuge verlieren dürfen und — können, welches Cätigkeitswort den wahren Sammler
vom Spekulanten fheidet. Unverftändlid) bleibt jemand, der Einzelblätter eines Künftlers fammelt,
ohne von Illußrationen des gleichen Künftlers, weil fie einem Cext verbunden pnd, etwas wißen
zu wollen. Eher begreiflich erfcheint es, wenn der Grapbikfammler pd) auf die Kenntnis folcher
Illuftrationen befhränkt, ihren Bepß aber dem Bibliophilen gönnt.

1 3ur Pfqd)ologie des Sammelns pnd in neuefter 3eit mancherlei beachtenswerte Beiträge erfdpenen, u. a. von
Max J. Friedländer und Emil maidmann.
2 Über Literatur zur üed)nik der graphifchen Kiinfte wird gelegentlich ein befonderer Äuffah an diefer Stelle
unterrichten.
* Äus der Bedeutung des ülortes heraus rechnen wir die Ipandzeichnung zur .Graphik“.

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