Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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wundervoll und jeltfam vereint. Von allen Figuren, die von diefem gar nicht ßoch
genug einzufcßäßenden Meifter bisher bekannt wurden, ift oßne 3weifel diefe Frauen-
geftalt die zeitlos fcßönfte und innerlich geläutertfte. Baum möchte in den vier bisher
bekannten Figuren verfd)iedene Bände feßen. Ob dies angängig ift, weiß ich nicht;
man könnte auch die künftlerifcße Entwicklung eines Meifters vor fid) haben. Dann
dürfte aber unfere Frauengeftalt in ißrer klaren, bewußten und reifen Formung nad)
den jugendlicher erregten anderen kommen, wenn auch) gleich nach der Frau mit den
gefalteten Pfänden. Seitlich wird man deswegen von den Jahren um 1420 nicht
wefentlid) abzugehen brauchen, da eine folcße Entwicklung zur inneren Ruhe innerhalb
einer Folge eintreten kann. Allerdings gehört unfere Figur nicht zu der Serie, die
in Rottweil fich befindet, was fchon aus dem andern Größenverhältnis ßervorgeßt.

Ein Madonnenbild des Geertgen tot Sint Jans
Mit einer Tafel

Ob es fiel) bei dem hier wiedergegebenen Bild des FJaarlemer Malers um ein eigen-
händiges Klerk handelt oder nur um eine Arbeit, die wefentliche 3nge feiner
Art verrät, ift letzten Endes reine Empfindungsfache. Der kunftgefcßicßtliche und
künftlerifche ülert diefes kleinen feinen, für 3eit und Herkunft gleich charakteriftifchen
Klerkes wird damit nicht berührt. Diefes gehört auf jeden Fall in die unmittelbarfte
Nähe jenes Gerard von Fjaarlem, der 1465 in Leiden geboren wurde, Schüler des Albert
van Ouwater war und nach Angabe van Manders bereits 28jährig, 1493 in fjaarlem,
wo er hauptfächiich tätig gewefen, geftorben ift. Der Gatfache, daß er dort, ohne
Mönch zu fein, im Klofter der Johanniter wohnte (für die er eine große Kreuzigung
gemalt hat, von der heute nur noch der Kliener Flügel erhalten ift), verdankt diefer
Boiländer feinen Beinamen, der faft fymbolifcß auch ein Schlaglicht auf die noch durch-
aus mittelalterliche Gebundenheit feiner Kunft wirft, die troß aller Naturnähe im Gefühl
jene tiefe Religiofität erkennen läßt, die immerzu das befte Kennzeichen jener von
Bumanismus und Reformation noch unberührten Kunftübung aus dem verklingenden
15. Jahrhundert bleibt. Diefer 3ug ift es wohl auch gewefen, der ältere Scßriftfteller,
wie Crowe und Cavalcafelle veranlaßt hat, in diefern Baarlemer Meifter und dem
anderen berühmteren Brügger 3eitgenoffen des gleichen Namens (Gerard David) eine
und diefelbe Perfönlichkeit zu vermuten, eine Annahme, die heute, wo Geertgens
Eigenart und befeßränktes Oeuvre reftlos erkannt find, niemandem mehr einleuchtet.
Denn daß Geertgen eine in vielem entgegengefeßte Natur gewefen, erkennt man — ab-
gefeßen von den durchaus charakteriftifchen Cypen — nicht zuleßt auch an feinem Ver-
hältnis zur Landfcßaft, die einem fo feltfam neu auf dem Berliner „Johannes“ ent-
gegentritt und eine viel fpätere Entwicklung bereits vorwegzunehmen feßeint. 6CIer
im übrigen die hier abgebildete Kompofition, in der noch die Überlieferung jener illu-
minierten Bandfcßriften des niederländifcßen 14. Jahrhunderts nachwirkt, mit ähnlichen
Bildern des Malers vergleicht, ift allen Bedenken zum Croß immer meßr geneigt, das
koftbare KJerk als eigenhändige Arbeit anzufpreeßen, nießt zuleßt auch im Binblick auf
die koloriftifcße Behandlung, die, dank vortrefflicher Erhaltung des Ganzen, über-
zeugend für Geertgen mitfprießt: Dem dunkelgrünen Gewand der Gottesmutter mit
rotem Mantel gefeilt fieß links ein neuer Akkord in dem bläulicß-weißen Gewand mit
dunklem Mantel, das die betende Beiüge trägt und rechts bei der Beiligen mit weißer
Baube ein folcßer aus einem Bellgrün des Gewandes, das die roten Ärmel noch be-
fonders nuancieren. Das Ganze, auf Goldgrund gemalt, eine leuchtende Barmonie
von Farben, die das köftlicße kleine Bild befonders reizvoll macht. Biermann.

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