Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Die Primiiiven-Äusftellung im 5aag
Mit vier Abbildungen auf drei Tafeln Von Max f. FRIEDLÄNDER

Als Vorwort des englisch gedruckten Kataloges der Ausstellung ist ein von Max
J. Friedländer an Herrn Bachstitz gerichteter Brief über die hervorragendsten
Werke der Veranstaltung abgedruckt, dessen deutsche Originalfassung hier mit freund-
licher Genehmigung des Verfassers mitgeteilt sei:
Verehrter Fjerr Bachftih!
Sie Y)aben mich gefragt, ob id) etwas Uliffenswertes und etwa nid)t allgemein Be-
kanntes über die primitiven Bilder fagen könnte, die Sie im Haag auszuftellen be-
abfichtigen. Das ülenige, das id) zu Il)rer Katalogißerung beifteuern könnte,
berichte id) Il)nen gern.
Im Mittelpunkt der Äusftellung behaupten wird fid) vermutlich durd) il)re klare Schön-
farbigkeit jene Dafel, auf der die Ge[d)id)te des 1)1- Äuguftinus in mehreren Szenen
dargeftellt ift. Im Hintergründe rechts ift die am häufigften gemalte Epifode aus der
Legende diefes Heiligen zu fehen. In Nachdenken verfunken wandelte Äuguftinus am
Meeresftrande, als er ein Kind erblidde, das mit der Hand £Uaffer fd)öpfte. Äuf die
Frage nach feinem Dun fprad) der Knabe, er wolle das Meer ausfd)öpfen und auf
das „Unmöglich“ des Heiligen gab er zur Antwort: „Unmöglicher nicht als für dich
das Myfterium zu ergründen, über das du nachfinneft.“
Diefe Dafel ift mir feit langer 3eit bekannt und hat mich oft befd)äftigt. Sie wurde
1895 von England aus in Berlin angeboten, kam dann nach Paris in die Sammlung
der Marquife de Bearn. 1901 brachte fie der eifrige Kunfthändler Steinmeyer nach
Köln und war arg enttäufd)t, als ich keinen der bekannten altniederländifehen Maler-
namen für das Bild, auf das er mit Recht große Stücke hielt, vorfd)lagen konnte. Er
befriedigte den Namenshunger, der damals freilich noch nicht fo heftig war wie heute,
mit der Bezeichnung „Meifter mit den filbernen Fenftern“, obwohl er fiel) vergeblich
nach Arbeiten von derfelben Hand umfal). Sein amerikanifd)er Kunde Charles D. Yerkes
war fo klug, das namenlofe Gemälde zu erwerben. Äuf der Auktion der Yerkes-
Sammlung in New York 1910 wurde es unter Nr. 18 einem deutfd)en Händler zu-
gefd)lagen und trat die Rückreife nach Europa an, eine Reife, die alte Bilder nicht
häufig unternehmen. Dann erwarb es Herr Fritj von Gans.
Als in London am 3. April 1914 der Befitj Edwards des erften Earls von Ellen-
borougl) bei Chrifties verfteigert wurde, erblickte ich zum erften Male ein Bild von
derfelben Hand wie die Äuguftintafel und freute mich nicht wenig der Äusfid)t, den
Autor endlich kunftkennerifd) zu faffen. Bei näherer Prüfung ftellte fiel) heraus, daß
ich anftatt eines zweiten (Uerkes des Unbekannten, den rechten zu der Auguftinus-
Dafel gehörigen Innenflügel gefunden hatte, auf dem der Dod des Heiligen in Gegen-
wart mehrerer Auguftiner dargeftellt ift. Diefer Flügel war unter Nr. 105 als „School
of S. Marmion“ in dem Cl)riftie-Katalog befd)rieberi, brachte genau fo viel englifche
Pfund wie das Hauptbild in New-York Dollars gebracht hatte und gelangte durch Mr.
Langton Douglas, der vor wenigen Jahren die Direktion der irifchen Nationalgalerie
übernahm, in diefe Sammlung nach Dublin.
Der Autor des grandiofen Flügelaltars, von dem uns immer noch cier linke Flügel
fehlt, war um 1500 in Flandern tätig. Seine gleichmäßige Sorglid)keit und ruhige
Gewiffenhaftigkeit erinnern an Memling, mit dem er Demperament und Gefinnung
teilt. Formenfprache und Dypik aber bleiben diefem Meifter ganz fern und ich glaube
nicht, daß wir einen Brügger Maler vor uns haben. Eher kommt Gent in Betracht. Einige
3üge, namentlich im Faltenwurf, laffen Beziehung zu Hugo van der Goes wenigftens ahnen.
Drei ausgezeichnete Männerbildniffe fchreibe ich mit mehr oder größerer Sicherheit
dem Meifter des Hk Äuguftinus zu, nämlich einen jugendlichen Mann, der auf der
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