Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Joijann Philipp Lemke
Ein deutfd)er Malerradierer des 17. Jahrhunderts1
Mit sieben Abbildungen auf drei Tafeln Von CURT BENEDIKT
Deutfche Malerradierer des 17. Jahrhunderts gibt es nur fehr wenige, und ihr hinterlafjenes
Klerk ift nicht umfangreich. Die Stürme des dreißigjährigen Krieges und die darauffolgende
Verarmung ließerf die Künftler nicht zum ruhigen Schaffen kommen, Klährend von vielen
holländifchen Malern ein gefchloffenes Radierwerk geblieben ift, kennt man in weiten Sammler-
kreifen von deutfchen Meiftern diefer 3eit vielleicht nur den Frankfurter Johann Fjeinrich Roos,
deffen Radierungen es an 3ahl und Qualität mit den Holländern aufnehmen können.
Das neuefte Klerk über deutfche Graphik von E. Bock (Hanfftaengl 1922) hat es verfucht, aud)
diefer Periode eine eingehendere Klürdigung angedeihen zu laffen, als es bisher in den Hand-
büchern gefchehen ift. Aber der Verfaffer begnügt fid) hier fd)ließlid) dod) nur mit einer mehr
aufzählenden als kritifd)en Betrachtungsform und läßt dem Lefer durch einige einleitende Sätje
nur geringe H°ffnung. beim Durchforfchen der Graphik des 17. Jahrhunderts intereffantes Material
zu entdecken. Ein Grund für diefe Nichtachtung ift die Catfache, daß faft alle Blätter von Meiftern
diefer 3eit außerordentlid) feiten und nicht immer bekannt find, ihr vollftändiges merk faft in
keiner öffentlichen Sammlung vorkommt. In den Katalogen bedeutender großer Privatfamralungen
(J. v. Hoffmann, Davidfohn) find folche Blätter als befondere Seltenheiten gekennzeichnet.
Id) glaube mit der Klürdigung des Nürnbergers Johann PI). Lemke die Sammler und Liebhaber
alter Graphik auf einige äußerft reizvolle und künftlerifd) bedeutfame Blätter hinweifen zu können.
Lemke wird 1631 in Nürnberg geboren. „Schon früh begriff er,“ wie der Nürnberger Hiftorio-
grapl) Doppelmayr fagt, „die 3eichenkunft fehr gründlich.“ Die künftlerifche Produktion der Stadt
war äußerft mäßig geworden und konnte einem weiterftrebenden Calent keine günftigen An-
regungen geben. So fehen wir den jungen Künftler fd)on mit 15 Jahren in Hamburg bei Evert
Decker arbeiten. Hamburgs Ruhm als Kunftftadt muß bedeutend gewefen fein. Ein anfd)aulid)es
Bild vom künftlerifchen Creiben der Hanfaftadt entwirft Lichtwark. Er nennt pe geradezu in
mancher Beziehung eine Enklave der holländifchen Kultur. Klährend junge Künftler zur Ausbil-
dung nach H°üand gingen, arbeiteten in Hamburg vorübergehend Klouwermann, Klaterloo u. a. —
Nach Deckers Code 1647 geht Lemke ins Atelier des Schlachtenmalers Kleyer, deffen Motive be-
ftimmend für ihn werden. Lange kann er nicht dort gewefen fein, denn fchon von 1649 datieren
zwei Radierungen, nach Naglers Befchreibung in holländifchem Gefchmack, und 1650 ift er in
Haarlem nachgewiefen, als Schüler des J. KI. de Klet (1610—71) für vier Gulden die Kloche und
60 Gulden Jahrgeld. 1651 ift er wahrfcheinlid) noch bei ihm, da er in diefern Jahr eine „Ver-
kündigung“ nach deffen Erfindung radiert. Kurz darauf treffen wir ihn bei Georg Strauch in
Nürnberg, bei dem er fid) aber nur mit einem Lehrbrief verfieht, um 1653 die Italienreife antreten
zu können. Nach beendetem Romftudium muß er fid) längere 3eit in Venedig aufgehalten haben.
Eine 3eid)nung in München ift „Gio: Filippo lemcke Venetia 1665“ figniert. 1669 ift eine Notiz
1 Diefer Äuffafe ift z. C. der Differtation des Verfaffers entnommen: „Studien zur Gefd)id)te der deutfdjen Radierung
im 17. Jahrhundert.“

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