Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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äflhetifd)es Gefühl und feine Intelligenz beim Studium der von ihm geliebten Meifler
eingaben, glaubte er doch mit Bewußtfein, fld) den nad) Form drängenden Er-
wägungen widmen zu follen, die fein Cemperament nur auf Koften feines natürlichen
Elans hirmahm. Und erft in dem Älter, in dem — wenn ich das Klort des Moral-
predigers gebrauchen darf — der Greis mit fid) felber lebt, der ftillem Glauben die
Kraft feines Genies widmet, läßt er diefem wahrhaft fenfiblen Bewußtfein feiner Natur
freien Lauf, das dem echten und dem einzig großen Renoir eigen ift.

Jean Baptifte Corot (1796—1875) vZ°T™JEmANN


Mag man nod) fehr das einzelne Klerk eines Corot feiner Qualität nad) bewundern,
überrafchen muß immer wieder die Feftftellung, wie fetjr jede diefer Arbeiten
typifd) franzöpfd) ift- Ja man darf behaupten, daß gerade Corots Leben, fo
wie es fid) in feinen künftlerifdjen Schöpfungen für uns offenbart, gewiffermaßen das
Sd)ickfal der franzößfd)en Kunft jener 3eitepod)e, die fein Name begleitet, faft fym-
bolifd) widerfpiegelt. Diefes Leben hat beinahe die Spannung eines Jahrhunderts. Es
beginnt am Fin de siede-3ufammenbrud), der das Rokoko zu Grabe trägt, das feit der
Gotik auf der Isle de France der franzößfd)en Raffe ureigenftes Idiom gewefen ift und
es endet, als eine neue Menfchheit, der wiffenfd)aftlid)e Erkenntnis letjtes 3iel ift, in
der Kunft den Sieg des Impreffionismus vorbereitet. Dazwifdjen lagern in der ge-
fd)id)tlichcn Folge der Klaffizismus eines David und Prudhon, der Romantismus —
wefentlid) pathetifcher als fein ftiller und befchaulid)er Bruder in Deutfchland — der
Gericault und Delacroix und für fid) riefenhaft, zugleich Inkarnation franzöpfchen Geiftes
und Ausdruck einer neuen Gefellfchaft, das Klerk eines Ingres. Er, Klaffiker reinften
Gepräges, Fjiftorienmaler, Porträtift, faßt, vom Standpunkt der heutigen gefehen, Ver-
gangenheit und 3ukunft der franzöpfchen Kunft wie in eins zufammen und wer die
Klarheit diefer Schöpfung überpeht, ihre GefejjUchkeit und konftruktive Formung, der
verfteht nur zu leicht, warum gerade Ingres heute wieder einem großen Ceil der fran-
zöpfchen Jugend als das unerreichte Vorbild vor Äugen fteht. — Seinem nur 16 Jahre
jüngeren Kollegen Corot gegenüber ift Ingres pd)er der durch feine verßandesklare
Linie und Form weit Überlegenere. Aber genau fo, wie pd) in Ingres nach einer be-
ftimmten Seite hin das Ideal des galiifchen Intellektualismus künftlerifd) verdichtet hat,
genau fo ift in Corot jener andere Kiefenszug lebendig, der fchon die fangesfrohe
Kunft der Croubadours beflügelt und — wie mir fd)einen will — fpäter das Befte im
franzöpfchen Rokoko hervorgebrad)t hat, jenes fd)wärmerifche Sid)verfenken in eine
gefühlte, geträumte, überfteigerte Kielt der Romantik. Nehmt Ingres auf der einen,
Corot auf der anderen Seite, und ihr habt die beiden Pole, zwifdtjen denen das Kiefen
franzöpfd)er Kunft, ob alt oder zukünftig, immer eingefpannt fein wird. Klenn da-
bei Corots Entwicklung für uns den für das franzöfifdje Kiefen ftärkeren fymbolhaften
Gehalt bepßt, fo hat das feinen Grund in der Catfache, daß er gewiffermaßen auch den
„Ingres“ in feiner frühen Entwicklung mit verarbeitet hat, damals als er im Geifte aka-
demifcher Überlieferung klaffiziftifd) angelernt wurde, um dann im Älter von 29 Jahren
in Rom feine klaffifdje Ausbildung gewiffermaßen zu beenden. Jener Corot d’Italie
— wie ihn die franzöpfd)e Kunftgefchichtsfchreibung genannt hat, um die Jahre im
Banne klaffifcher Überlieferung von dem Corot von Fontainebleau (d. h* dem Corot, der
vor allem des Meifters Ruhm begründet hat) zu fd)eiden — ift aber nicht nur der
Maler der klaffifdjen Ruinen wie des „Coloffeum“ und des „Forum Romanum“, der
in feiner Art das Klerk eines Fjubert Robert vollendet, fondern auch der Fortfetjer eines
Pouffin, ohne den auch der fpätere Corot nicht zu denken ift. Klaffifd) im Sinne der
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