Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Holländifdje Wandteppich - Manufakturen
Mit 16 Abbildungen auf 13 Tafeln Von H. GÖBEL

Hmfterdam / Sdjoonljoven
Amfterdam ift bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts der Hauptftapelplatj für Getreide
ZA und Salzfifbe. Sowohl die Fürften aus dem Haufe Burgund wie die General-
*ftatthalterinnen Karls V., Margarete von Öfterreich und Maria von Ungarn, fördern
mit weitsichtigem Entgegenkommen die aufblühende Metropole der Seeprovinzen. Ähnlich
wie in Antwerpen errichten die führenden Geldinftitute Niederlagen; die Schiffahrt
nimmt einen ungeahnten Auffbwung. Die kapitaliftifche Erftarkung Hollands bringt
als Folgeerfcheinung die Äuffchließung des fruchtbaren Hinterlandes; Eindeichungs- und
Urockenlegungsarbeiten fchaffen neue Gebiete.
Die Fjandelshäufer der Stadt [tehen in gefbäftliben Verbindungen mit den großen
Häfen des Mittelmeeres und den führenden 3entren des Baltikums. Es entwickelt [ich
ein ftetiger, gefieberter Reichtum, der nicht wie in Antwerpen lediglich von der Geld-
bewegung, den Großbanken und den damit verbundenen Begleiterfcheinungen abhängig
ift. Bereits um 1550 fefet in Antwerpen die Krife ein. Das gefbäftlibe Leben der
Scheldeftadt, fo prunkvoll es nach außen hin in die Erfcheinung tritt, reagiert aufs leb-
haftefte auf die geringften politifchen und wirtfchaftlichen Schwankungen1. Der Kredit
der Großbanken ift ftark überfpannt; gewagte Spekulationen find an der Cagesordnung,
die Gier nach rafchem und mühelofem Erwerb äußert [ich in faft modernen Formen.
Der fpanifche Staatsbankrott vom Jahre 1557 verfemt Antwerpen einen [cl)weren Stoß.
Die religiöfen Unruhen, die zu neuen Kämpfen führen und die Spaltung der Niederlande
als unabwendbare Folge zeitigen, berauben die alte Handelsmetropole der wirtfchaftlichen
Vorortftellung.
Im Juni 1584 ift die Lage der aufftändifchen Provinzen derart kritifch, daß dieGeneral-
ftände und der Prinz von Oranien es vorziehen, Antwerpen zu verlaffen, um in Holland
die weitere Entwicklung abzuwarten. Drei Monate fpäter beginnt die Einfchließung der
Stadt; am 10. März 1585 fejjen die Verhandlungen ein. Den einzigen Vorteil, den
Antwerpen in dem Übergabevertrage vom 17. Äuguft gegenüber den anderen nieder-
geworfenen Städten Flanderns und Brabants erreicht, ift die vierjährige Entfcheidungs-
frift der proteftantifben Einwohnerfbaft. Die Stadt verliert einen großen Geil ihrer
kaufmännifben und werktätigen Bevölkerung. Als 1609 der zwölfjährige Waffenftill-
ftand zwifben Spanien und der niederländifben Republik zum AbfblufTe gelangt, ift
die Bedeutung Antwerpens als Handelszentrale des Nordens erlofben. Von den zahl-
reiben ausländifben Häufern finden wir nob zwei genuefifbe und einen luccefifben
Unternehmer; die wenigen portugiefifben und englifdjen Banken fiedeln im Laufe der
folgenden Jahre gleibfalls nab Amfterdam über. Die altberühmte Antwerpener Börfe
ift verödet, die Bibliothek wird Wirkereibetrieben zum Aufftellen ihrer Stühle einge-
räumt. Flandern und Brabant bieten nab der Wiedereroberung durb den Herzog von
Parma ein Bild der Verheerung und des wirtfbaftliben Ciefftandes; die Seeprovinzen
das des aufblühenden, durb die Seebeherrfbung geßberten Reibtums.
Der Wirkereibetrieb Amfterdams fet^t in ftärkerem Umfange um 1580 ein; die früheren
Unternehmungen tragen mehr den Charakter von Kleinateliers. (Ule in allen holländifben
Städten geht das Bedürfnis des reib gewordenen Bürgers nibt in erfter Linie auf
prunkvolle Figurenfolgen, fondern auf Kleinwirkereien und Cafelteppibe, die das Haus
heimifb geftalten, fbmücken und dem Gafte den Begriff der Wohlhabenheit vorzaubern.
Stände und Stadtverwaltungen find eifrig bemüht, Verfammlungsfäle und Bürgermeifter-
ftuben durb Wappenwirkereien und Darftellungen aus den ruhmreiben Gefbehniffen
1 Henri Pirenne; Gefd)id)te Belgiens, Band III.

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