Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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]oi). Cljriftian Reinljarts Landfdjaftsradierungen
Job. Cbriftian Reinbart (1761—1847) gehört zu jenen künftlerifcben Perfönlicbkeiten, die nach Art
und Umfang ibres Schaffens nicht von vornherein in ihrer Bedeutung erfaßt werden. Das mag
wohl einerfeits daran liegen, daß feine Kunft ziemlich farblos wirkt, wenn man nicht den
Charakter feines Menfcbentums kennt, aus dem heraus er in das innige Verhältnis zu feiner
Mufe trat, die eigentlich) nur der Landfcßaftsdarftellung galt. Andererfeits muß die ausgleichende
Gerechtigkeit des biftorifcben Urteils bei der Bewertung feiner künftlerifcben Fähigkeiten die ge-
faulte geiftige Konftellation feiner Seit im Äuge behalten. Dann aber erfcbeint diefer Deutfcb-
Römer als ein bedeutender Vertreter jener Künftlergruppe, die an der Ulende einer Umwertung
der Landfcbaftsauffaffung ftand.
Mehr als feine Gemälde find feine grapbifcben Arbeiten1 geeignet, ihn in feiner Urfprünglidjkeit
und Frifcbe kennen zu lernen. Dabei find die Arbeiten vor feiner Überfiedelung nach Rom, die
1789 erfolgte, wefentlid) von denen feiner römifcben 3eit verfd)ieden. Die frühen Jugendjahre in
Deutfcßland find zunäcbft noch von Arbeiten mannigfachfter Art erfüllt, unter denen die Land-
fcßaftsftudien aber fcßon den erften Plaß einnehmen. Beftimmt von einem Drange, die unmittel-
bare Naturwirklicbkeit zu erfaffen, pe in der cbarakteriftifcben Form vorzutragen, verfällt er nie
in die Manier der Rokokolandfcbaft. Ohne ßtcb an ein beftimmtes Vorbild anzufcbließen, macht
er fleh mehr und mehr frei von der konventionellen Naturftimmung und bemüht pch, die Aus-
drucksmittel ihrer Nüchternheit zu entkleiden, die den Anfängerarbeiten noch eignet. Ein zartes,
diebterifebes Empfinden, das aus einem echt germanifeben Naturgefühl heraus erwaebfen ift, be-
berrfebt daher bald fein Schaffen. Sein Intereffe gilt während feines ganzen deutfeben Aufent-
haltes, vor allem während feiner Cbüringer Wanderungen nicht der Bildkompofition, fondern dem
minutiöfen Erfaffen der Sonderform. Das beweifen die „deutfebe Landfcbaft“ von 1787 (A. 18) und
die „Mühle bei den großen Eichen“ von 1788 (A. 20, Abb.). In beiden Blättern bilden die in
ihrem kraufen Geäft und blättrigen Wipfeln ausladenden Eichen den bauptfäcblicbften Vorwurf.
Die einzelnen Motive find überrafchend zeiebnerifeb erfaßt. Dabei ift die fcblicbte, aber ftimmungs-
volle Cbarakterifierungsfäßigkeit des Künftlers, die in der „Mühle bei den großen Eichen“ zu einem
erhabenen Naturgefühl fich fteigert, auch in einem unvollendeten Blatte, wie der „Landfcbaft mit
dem Efeltreiber auf der Brücke“ (A. 16) erkennbar.
Scheint Reinhart in feinen deutfeben Entwicklungsjahren fich in eine Richtung bineinftellen zu
wollen, die vor allem auf das Betonen einer realen zeichnerifchen Aufnahme ausgeht, fo muß
die Wendung des Künftlers in Rom befonders überrafchen. Seine Landfcbaftsauffaffung und die
Änfcbauung, die er auf feinen zahlreichen Wanderungen und Jagden — ein paffionierter Jäger ift
der Naturburfcbe Reinhart zeit feines Lebens gewefen — gewann, erfuhr in der reichen Natur
Italiens eine Wandlung, die ein neues Ideal von Landfcbaft in ihm hervorruft. Das erfte Jahr-
zehnt feines römifcben Aufenthaltes ift daher für die Auseinanderfetjung mit der bisherigen deutfeb-

1 Oeuvre-Katalog bei Rndrefen, Die deutfd)en Malerradierer des 19. Jahrhunderts. 1866—77. I. Band.

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