Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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an den Gonzaga-3yklus Cintorettos aufgefrifcßt hat, den er in Mantua in feiner Jugend fid)
meßr als einmal angefeßen hat; wer weiß, ob nicht Rubens außer zeicßnerifcßen Notizen fid)
aud) heute verfcßollene Kopien darnach gemacht hat. Die Rubensfcße Darftellung ift eine
freie, ßöcßft perfönlicßß Verwertung und Kombination von Motiven aus der ^.Einnahme
von Parma“ und der „Vertreibung der Franzofen aus Pavia“. Das offenbart fowoßl
die Gefamtanlage wie aud) Einzelheiten in der Kompofition von Mittel- und Hintergrund.
Dies führt uns dazu die Gelegenheit zu benützen, wiederholt auf die Kopien von Rubens
nad) Gizian hinzuweifen, die leider auch in diefer Neuauflage des Rubensbandes nicht
veröffentlicht find. Man fprid)t meiftens nur von der intereffanten Kopie nad) üizians
„Sündenfair und den Porträtkopien, nicht aber von den beiden, zweifellos fd)önften
Kopien, die Rubens angefertigt hat, — mit die ßerrlicßften, die überhaupt je gemalt
worden find: die beiden im Stockholmer Mufeum befindlichen Kopien nach dem „Bacchanal“
und dem „Kinderfeft“, die in jeder Hinficht vollkommene Neufd)öpfungen genannt werden
dürfen (Abb. S. 56 u.57). Es gibt kaum im Gefamtwerk von Rubens etwas Strahlenderes und
Blumigeres, kaum etwas, was fo fel)r zu ülatteau und den fpäteren Franzofen hin vermittelte,
wie diefe beiden Bilder. Es ift merkwürdig, wie Rubens, deffen Kompoßtionen doch fo feßr
nach dem Bildrand hindrängen, üizian gegenüber vom Bildrand mehr abrückt, d.l). feinen
Figuren noch mehr Raum und Luft fchafft. Das Cempo ift in jeder Dinßci)t gefteigert,
all das, was bei Cizian noch zeicßnerifd) ift, ganz in das Malerifche umgefeßt, die Ciefe
in völlig neuer ödeife betont. Die Landfehaß ift eine ganz von Rubens Gnaden, wo
jede Erinnerung an venetianifd)e Bäume und die Erde der terra ferma, jeder Gedanke
an venetianifchen Himmel und ödolken ausgelöfcßt fcheint, und doch haben die Bilder,
wie fd)on gefagt, faft noch größere ftraßlende Heiterkeit; die Erregung und Sinnlichkeit
ift naturgemäß in das Flämifcße überfetjt, in Ojp und Form, in Blick und Gefte, natürlich
all das, was ftets in der venetianifchen Kunft halb verfcßleiert, kaum ausgefproeßen
bleibt, ift hier mit Deutlichkeit gefagt, aber ohne ins derb Flämifcße zu geraten.

Von EDWIN SUERMONDT
Mit zehn Abbildungen auf fünf Tafeln


Nauen

Einer Dame, die ißn fragte, wie Malerei am beften lehrbar und lernbar fei, gab
Nauen einmal die Äntwort: „Überhaupt nicht! das ift angeboren“. Es gibt nicht
1 viele, felbft in unferem Zeitalter der Autodidakten nicht, denen ein folcßer Aus-
fprueß felbftverftändlid), ohne eine Spur von Anmaßung, über die Lippen gehen darf.
Für Nauen ift dies gelegentlich ßingeworfene (Dort im höd)ften Maße typifcß mit feiner
leidenfcßaßlicßen und ftolzen Ablehnung alles deffen, was nicht organifcß gewaeßfen,
fondern angelernt, abgefeßen, Manier, irgendwie „akademifcß“ ift und die Kunft beften-
falls zu einem fcßmückenden Spiel erniedrigt, während ße ißm — wie jedem echten
Künftler — (Heiße, ßöcßftes Menfcßentum, gefteigertes Erleben bedeutet, ünd es ift
typifcß für ißn in feiner immanenten üragik: was an Qual darin liegt und an erbittertem
Ringen, an Kämpfen und Niederlagen, an Anfeindungen und tieffter Einfamkeit, das
ßat Nauen durch lange, feßwere Jahre wie kaum einer an fid) erfahren. Es ift der
auszeießnende Flucß jedes Eigenen, daß er zum Alleinfein verurteilt ift. So fand der
knapp 18jährige Jüngling in Düffeldorf nicht den Malerfreund, den er feßnfücßtig
fueßte, und die Akademie, die ißm nicht einmal teeßnifd) Brauchbares vermitteln konnte,
gab ißm Steine ftatt Brot. Einfam blieb er fpäter als Meifterfcßüler des von ißm
perfönlicß hochverehrten Grafen Kalckreutß, und ein fcßmerzlicßer Bruch mußte ißn aus
diefer „Sackgaffe“ retten. Dann kam die 3eit, wo er, ganz auf ßcß geftellt, in Belgien
lebte, und die böfen Jahre in Berlin. Die laute, ßaftige Stadt des Betriebs um der

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