Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Paul Ä. Seeljaus

Von WILLI WOLFRA DT / Mit
sieben Abbildungen auf vier Tafeln

Die Landfchaftsmalerei hat im lebten Jahrzehnt einen [djweren Stand gehabt. Vor-
der war gerade fie die eigentliche Malerei gewefen, das Feld der Freilidjt-
farbe und der atmofphärifdjen Stimmungsnuance. In der Periode beobachtungs-
frommer Rezeptivität, in der impreffioniftifchen, mußte die Wiedergabe der natürlichen
Umwelt Kardinalaufgabe fein. Als das Geftalterifche durchftieß und fid) verfelbftän-
digte, nun das Ich ftärker wurde als die gegebenen Gegenftände, kam mit der Natur
vor allem die Landfchaft notwendigerweife ins Hintertreffen. Gewiß verfdjwand fie
nicht, wurde aber zum bloßen Cräger oder Gefäß für den autonomen Husdruckswert.
Statt Chema war fie nun kaum mehr als Folie. Die Entwicklung zum Kubismus und
zu abftrakten Bildinhalten mußte das Organ für Landfchaftliches verlieren.
Aber eins hielt die Landfchaft auch im Bereich jüngfter Kunft, einer der grundfätj-
lichen Erlebnisgehalte der Moderne: der Raum. Indem man verfud)te, den Raum felbft,
die Kategorie der finnlichen Erkenntnis a priori, zur Sichtbarkeit zu bringen, nicht alfo
nur mehr fein Walten in Darftellungen von Räumlichkeiten wie 3immer oder Gebirgstal
mitanklingen, fondern feine geftaltende Energie nun felbft Erfd)einung werden zu laffen,
indem man alfo die räumlich organifierte Welt gleichfam in ihrer Entftehung aus der
bauenden Hand des Raumes heraus zu veranfdjaulichen trachtete, legte man neuen
Grund für eine Gattung der Landfchaftsmalerei.
Im einzelnen ging die Entwicklung gewiß einfacheren Weg. Auch der jung-rheinifd)e
Landfehafter Seehaus mußte nicht erft der Landfchaft entfagen, um fiel) ihr nähern zu
können. Er gelangte zu feiner charakteriftifdjen Bildform nicht erft durch die Dürre
eines formaliftifchen Kubismus hindurch, und fteht, dem Sinn der Gefehlte nach, mit
ihr gleichwohl eben dort, wo die kubiftifdje Methode fid) in der Landfd)aft löft, in
einer um diefer Erlöfung willen neuentdeckten Landfchaft.
Als Seehaus 1919, Freund vieler Freunde und der beften künftlerifchen Hoffnungen
eine, im Älter von 27 Jahren der Grippe erlag, ftand die Eigenheit eines individuellen
Stils feft. In fünf, fed)s Sd)affensjal)ren war allerlei Schwere und Schlacke abgelegt
und ein anmutiges, zärtliches Gepräge gewonnen, das der verwirrten Welt feine und
dod) fd)wellende Schönheiten entlockte, das bloße Prinzip zum bunten Rhythmus ent-
band und eine blühende Idyllik mitten in die fd)rille 3^it trug. Forfd)t ein Nachträg-
licher, von der Hinterlaffenfchaft des Künftlers Seehaus bewegt, dem Menfd)en nach,
begegnet er überall einem ungewöhnlich innigen Andenken. Ein zarter, grüblerifcher,
fehnender Jüngling, etwas verwachfen von Geftalt, von der heißen Scheu der tief Be-
gehrenden: fo reimt fid) aus den Spuren feine Erfd)einung zufammen. In Bonn lebte
er und fand in einem jener unexponierten Kreife künftlerifd)er Menfd)en Widerhall,
die der jungen Bewegung in Provinzftädten fo viel befferen Wurzelgrund gaben als
die Cliquen der 3entren. Dort war er Macke nahe, deffen kräftige und glühende
Schwere ihn beeinflußt haben mag, dort wird feinem meland)olifd)en Geblüt dod) der
heitere und undogmatifche 3ug eingemündet fein, von rheinifcl)er Landfchaft und forg-
lofer Frifche umgebender Menfd)en her. Die Fühlung mit Frankreich, mit dem voll-
kurvigen Malen vor allem Derains, fprid)t aus den Anfängen deutlich an; Reifen in
keltifd)es Gelände fanden leidenfchaftliches Echo und bestimmten viel an dem Bau der
Bilder. Das riffige Düfter wandelte fid) in feingliedrig-bunte Mufik, vor der man
verfteht, daß Seehaus gerade an Schubert hing.
Äbgefehen von zwei Stilleben und einem antimilitariftifchen Radierblatt find nur
Landfchaften von Seehaus bekannt geworden. Das ift auffällig genug in einer 3eit,
wo die Künftler, in Reaktion gegen die als lächerlich empfundene Einteilung in Spezial-
gebiete, alle Ehernen aufnehmen, fogar nicht bei einer Ced)nik oder auch nur Kunft-
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Der Cicerone, XIV. Jal)rg., ßeftll

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