Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Die Sammlung Friß von ßarck

Mit 14 Abbildungen auf acht Tafeln

Gemälde italienifd)er Meifter
riß Fjarck Fiat Kunftwerke gefammelt, vor allem um feine Räume gefdjmackvoll


auszuftatten, feinem Gefcßmack, feinen Neigungen entfprecßend; anfangs forgte er

x für das Schloß in Seußliß, fpäter auch für das elterliche Fjaus in Leipzig, das er
aud) architektonifch im Innern in feinfter iUeife veränderte und ausftattete. Auch die
alten Gemälde, die dem Mufeum der bildenden Künfte feiner Vaterftadt als Vermächt-
nis zugedad)t find, find aus diefem Gefichtspunkte erworben. ÜHie Fjarck anfangs, noch
als Student, als treuer Schüler Chaupngs auf einer Verweigerung im Fjotel Drouot zu
Paris die „Lebensalter“ von Fjans Baidung „gerettet“ hatte, fo hat er fein erftes ita-
lienifches Bild gleichfalls aus wiffenfchaftlichem Intereffe erworben. Es war ein hand-
großes Bildchen der Madonna zwifchen zwei Fjeiligen. Sein Freund Cfd)udi hatte es
ihm aus Ferrara mitgebracht, da er damals gerade aus der Ferrareßfchen MalerfcFiule
ein Spezialftudium gemacht hatte. Aber Fjarck hatte keine rechte Freude an dem winzig
kleinen, kleinlichen Bilde, für das er nicht einmal überzeugend einen Künftlernamen
hatte finden können; fo überließ er es nicht feljr viel fpäter um feinen Kaufpreis von
300 M. an Dr. v. Kaufmann, in deffen Verfteigerung im Klinter 1917 das Bild mit
22000 M. (Gold) bezahlt wurde! Sonft hatte er das vornehme Prinzip, zu behalten,
was er erworben hatte; aber in diefem Fall war die Erwerbung keine eigene, fie war
mehr aus Gefälligkeit dem Freunde abgenommen.
Ein erfter längerer Befucl) von Ferrara hatte Friß Fjarck für die Stadt und ihre Kunft
fo eingenommen, daß er fid) dem damals noch FGhr vernachläffigten Studium diefer
Kunft mit befonderem Eifer widmete. Von feinen Lieblingsmeiftern, den Cofme Dura,
Francesco Coffa und Ercole Roberti, hätte er gern das eine oder andere Bild erworben;
aber er mußte fleh zu jener 3eit auf Gelegenheitskäufe befchränken, und ülerke diefer
Meifter fand man auch damals fchon nur ganz ausnahmsweife noch um kleine Preife.
So mußte er fleh damit begnügen, an Ferrarefen wenigftens ein charakteriftifches gutes
Bild von Ercole Grandi, den „51. Sebaftian“ vor reicher landfchaftlicher Ferne, eine
„Auferftehung Chrifti“ von Garofalo und eine Verlobung der hl-Katharina von Scar-
fellino fid) aneignen zu können. Glücklicher war er in Erwerbungen von Bildern
venezianifcher oder von Venedig abhängiger Künftler. Das kleine Profilporträt einer
jungen ftarken Frau fdjeint mir nicht einfach „oberitalienifch“, wie es bisher galt, fon-
dern von einem Nachfolger des Gentile Bellini. Der Kopf einer weiblichen Fjeiligen,
wohl das Fragment einer Altartafel, ift durch feine rundliche Form, ihre kräftige pla-
ftifche ülirkung, durd) den Cypus und die Färbung als ein ülerk aus Cimas mittlerer
3eit gekennzeichnet. Ein ausgezeichnetes ülerk, das bedeutendfte der Sammlung zu-
gleich die leßte Erwerbung, die der Verewigte nod) während des Krieges machte, ift
die trefflich erhaltene Madonna mit dem knienden Stifter vor reicher Landfchaft. Sie
galt im Fjandel als ein Klerk des M. Bafaiti, ift aber vielmehr eine dharakteriftifd)e,
befonders gute Arbeit des fogen. Pfeudo-Bafaiti, jenes dem Namen nad) nod) immer
unbekannten Schülers Gian Bellinis, der im Anfänge des 16. Jahrhunderts längere 3eit
fein Mitarbeiter war und dem Meifter am nächften ftel)t. Das ift in diefem Bilde be-
fonders ftark der Fall, wie der Vergleich mit Bellinis Madonna in S. Francesco della
Vigna und mit einer, leider arg zerftörten, Madonna mit dem Stifter, die vor einigen
Jahren fid) im Kunftl)andel befand, beweift. Anordnung und Auffaffung find hier ganz
ähnlich, aud) in der Anbringung des unverhältnismäßig großen Stifterbruftbildes ganz
unten in der Ecke des Bildes, wo perfpektivifd) gar kein Plaß mehr für eine Figur
fein könnte. Die Eypen von Mutter und Kind, die fd)arfbrüd)igen Falten des Ge-

Der Cicerone, XlV.Jal)rg., ßeft 8

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