Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Kun ft werke aus Karlsruher Privatbefig

Äusftellung in der Badifdjen Kunftl)alle

Von HANS. CUR JE L / Mit
4 Abbildungen auf 2 Tafeln

«!?!!!!

In der Folge ihrer Sonderausftellungen veranftaltete die Badifcße Kunfthalle in diefem
Fjerbft eine Äusftellung von Gemälden aus Karlsruher Privatbefig, die wertvolles
und fel}r beachtenswertes Material ans Lid}t förderte. In ihrem Programm umfaßte
fie (Uerke aller oeiien unter Äusfcgluß der noch lebenden Meifter. Ihre Phyfionomie
ergab fid) aus der befonderen Ärtung des Karlsruher Kunftbefiges. Eigentliche Sammler
gibt es in diefer Stadt nicht; and) in früheren Jahren exiftierte, abgefehen von der
Seinerzeit berühmten Üxküllfdjen Sammlung, über die D. F. Strauß gefd)rieben haL
keine private Kunftfammlung von größerer Bedeutung. 6CIas die Stadt an privatem
Kunftbefig heute birgt, geht einerfeits auf den 3ufall überkommener Nachläße zurück;
andrerfeits pnd es Einzelerwerbungen von Kunftfreunden, in einem gewiffen Sinn alfo
„Gebraucpskunft“, mit der der Bürger fein Fjeim ziert, ohne mit den Änfprücßen des
Sammlers aufzutreten. Als befonderes Gebiet folcher „Gebrauchskunft“ wäre die Bild-
nismalerei zu bezeichnen, die vor allem in der erften Jahrhunderthälfte mit hand-
werklicher Liebe kultiviert, pd) innerhalb der Äusftellung fehr erfreulich präfentierte.
Crog diefer 3ufälligkeiten des beigebrachten Materiales ergab fid) ein Gefamtbild von
erftaunlicßer Qualität; Kunftfreunde und Kunftwiffenfchaft konnten reichen Gewinn
ziepen. Daß in erfter Linie die einheimifcße Kunft mit ihren bedeutenden Akzenten
ins Licht trat, war bei der Befd) aßen!) eit des Karlsruher Kunftbefiges felbftverftändlid).
Die Äusftellung felbft gliederte fid) in fünf Abteilungen: Alte Kunft, Bildnismalerei,
Malerei der Romantik, 19. Jahrhundert und 3eid)nungen und Aquarelle.
Die an 3ahl geringfte Abteilung alter Kunft brachte umfo bedeutendere Einzelftücke.
Von deutfchen GQerken eine früher in den Monatsheften für Kunftwiffenfchaft (1912)
veröffentlichte eifafpfcpe üafel, Sebaftlan und Ärbogaft, die fid) jedoch entgegen der in
der früheren Veröffentlichung erfolgten 3ufd)reibung arl den jungen Scßongauer als
ein nicht allzu bedeutendes iXIerk aus der 3ßit um 1500 erwies. Ein 1506 datiertes
Ältarfragment,Verkündigung (Rückfeite: Legende des Petrus), deffen heraldifcße F)in-
weife auf den Mittelneckar weifen, vermehrte die Gruppe der Nachfahren des Fjaus-
buchmeifters um ein importantes Stück, da es vermutlich in die unmittelbare Nähe des
in der Pinakothek befindlichen aus Äfd)affenburg ftammenden Flügelaltares zu fegen
ift, das gemeiner Änfid)t gemäß als Verbindungsftück zwifcßen dem Fjausbud)meifter
und Grünewald gilt. ££Ias fonft von deutfchen <XIerken pcl) bot, gehört zumeift ins
18. Jahrhundert: zwei früher in Donauefchingen befindliche treffliche mythologifd)e
Darftellungen, deren Meifter zwifcßen Boucher und Ciepolo wohl feinen Plag behauptet.
Die Darftellung eines Pagen mit Champagnerglas — frech wie Cherubim d’amore — ein-
heimifche Arbeit des fpäten 18. Jahrhunderts, fteßt dem noch viel zu wenig gewürdigten
Meiling (tätig in Straßburg und Karlsruhe) nahe. Eine bezeicßnete Arbeit des Spillen-
berger warf bedeutendes Licht auf die deutfdtje Malerei des Seicento. Als früheftes
üüerk der niederländifchen Kunft erfchien eine Anbetung der Könige; um 1500 ent-
ftanden, veranfd)aulichte es den Übergangsftil zwifchen Gerard Davids Kreis und den
Frühwerken der Manieriften. Aus dem holländifchen 17. Jahrhundert traten eine Land-
fcl)aft des Corn. Gerritsz Decker, eine winterliche Darftellung (Sd)littfchuhläufer) von
Croos, die zu feinen wenigen voll bezeiebneten Stücken zählt, Stilleben von Fjeda,
des feltenen Fr. Ryckhals, de ßeem, fowie allerhand Anonymes zu Cag. Mannigfache
Rätfel bot eine kleine Landfd)aft mit Feuersbrünften (auf Eichenholz), die mit deutlichen
Elementen der Kunft des Bofch möglicherweife dem älteren Brueghel nicht allzufern fteßt.
Als bedeutendftes italienifches tUerk zeigte pd) ein Crecento Diptychon, Geburt Cßrifti
und Crucifixus; was fonft von italienifchen ülerken beigebracht war, überfci>ritt die Linie
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