Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Der r h e i n i f dt) e Graphiker F. M. Janfen

Mit vier Abbildungen und einem Originalholzschnitt

Von JOSEPH WINCKLER


ie Parole des lebten Kunftjahrzehnts — kunftbiftorifd) zwangsläufig, da die Farbe ganz in

kreidigem öüeiß erftickte, all ihre männlich erdhafte Feftigkeit verloren war, da der Bild—

inßalt von Weltweite, Erlebniskraft geiftigen Gefdjeßens zu öder Naturkopie, Genre, eitler
Skurrilität ßinabgefunken war, da die Graphik Bildimitation trieb mit dem Ehrgeiz „alles“ zu können,
da jedes Färb- und Liniengefetj mißbraucht wurde, jede Kenntnis aud) nur folcßer Möglichkeit
ausgewifcht fd)ien, da mitten auf der Palette breit und behaglich der Philifter faß — die flammende
Parole des erften expreffioniftifchen Jahrzehnts lautete: Freiheit! Freiheit von jedem 3wang: Inhalt,
Gegenftand, Naturgebundenheit! Kunft ift Inkarnation allerperfönlichfter Offenbarung! Gepicht des
geiftigen Menfchen! Ift gleichwertig der Natur, unabhängig von ihr; eigenen Gefe^en unterworfen! Er-
oberung der Farbfeele, der Geheimniffe der Linienverfchüngungen, der 3erknirfchungen und Ekftafen
d)romatifcher Erlebniffe! Der Künftler ftieg aus der Kutfche ordinärer Gewöhnlichkeit, wo Langeweile,
öüohlanftändigkeit, Rechtgläubigkeit mit ihm fpazieren fuhren, in den Eliaswagen heller Erfchütte-
rungen. Feft gefügte Bilder voll überftrömender leuchtender Farbpracht, materialklare graphifche
Blätter in unendlicher Fülle fprangen auf — eine Kraftexplofion, ein beraufchender Äufftieg!
Im CCIettlauf der Graphikarten wird der Fjolzfchnitt die Graphik der3eit; anftatt Linienornaments
jetjt auf das Äneinanderprallen der fchwarzen und weißen Maffen, auf das Gegeneinander, Sich-
Durchkreuzen der runden und gezackten Bänder, der wilden, aufwirbelnden Fjaken und Kerben
eingeftellt — ift der Fjolzfchnitt finnlicher geworden, damit formmächtiger, dem Cempo der Gegen-
wart gewachfen. önd hier angelangt, erftrebt nun die Graphik den entfcfjeidenden Äufftieg. Bei
heutigen Bildern gähnt oft Leere; die große, wiedererweckte Farbform, ftrotjend von ftärkften
Farbkomplexen, ift oft an Nichtigkeiten verpufft; die Füllung, das hintergründige, die „Idee“ fehlt:
ein wirbelnd faufendes Schwungrad, getrieben von einem Schatten; man wagt flöß nicht über das
eigne, jetjt einzwängende Gefetj hinaus, fcheut den „Bildinhalt“, fchrickt vor dem neuen Problem
bekennender Äusfprache.
Die Graphik hat diefen weiteren Schritt getan; fchon ringt fie mit dem neuen Inhalt, einem In-
halt fernab von Naturimitation, ftatt deffen aufrührerifche Einbeziehung allen 3eitgefchehens, alles
deffen, was den Menfchen diefer Stunde durchfdjüttelt — der Graphiker fud)t den Menfchen auf
die Fjöhe des Künftlers zu bringen zu gleicher Intenfitätsftärke. Erleichtert wird ihm diefe Crans-
figuration dadurch, daß heute wieder „Ideen“ Gewalt haben, leidenfchaftlich bekämpfte oder be-
jahte, daß ein gemeinfamer geiftiger Rhythmus ganz anders als zur Stagnationszeit der „gott-
gewollten Abhängigkeiten“ die Geifter umfpannt, ftets größere Kreife aufreißend, von gleichem
Ruf getragen, daß fomit für den Maler die Möglichkeit der 3ufammenfaffung, des zwingend ge-
ftalteten Inhalts und dadurch der Gefolgfchaft gegeben ift. Entfcheidend: gelingt es fo wieder der
Kunft Lebensnotwendigkeit anftatt Luxusobjekt, Lebensfchmuck, Dafeinszentrum zu werden?
Die Graphik hat die erfte Etappe bereits gewonnen: ordnend, richtend, fteigernd zur Mitte, das
heißt zum QQefentlichen vorzudringen! Beckmann, Grosz, Mafereel bezeugen das; zu ihnen gehört
F. M. Janfen; von hier aus ift feine Graphik zu bemeffen.
Von je war Janfen an Inhalt gebunden; früher freilich war ihm Inhalt literarifche Bindung, ein
„Sid)-Reiben“ an irgendeinem Chema; zwar nirgends platte Naturwiedergabe und Formwidrigkeit,
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