Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Das Jal>r 1860 war ein Unglücksjaßr für das Haus Fries. Sein Bruder, jefet der Cljef
des altangefeßenen Bankßaufes in Heidelberg, machte Bankerott und Bernhard Fries
verlor dabei fein ganzes Vermögen.
Diefer Glückswecßfel war mcßt von Vorteil für feine Kunft, denn nun war er ge-
zwungen, meßr zu malen wie ißm lieb war, um feinen Lebensunterhalt zu verdienen. —
Damals entftand nach Rottmannfchem Mufter ein 3yklus italienifcher Landfchaften und
auch vielen der übrigen ülerke merkt man die Schnelligkeit und allzu große Produktion,
in der fie entftanden find, nicht zu ihren Gunften, deutlich an.
Ein Äusfpruch, der in feiner Familie noch umgeht: „3eid)nen ift gar nicht nötig",
charakterifiert die Äuffaffung diefer von dem Heidelberger Schotten ülallis ißren Äus-
gang nehmenden Münchner Maler mit impreffioniftifchen Neigungen, die aus der Not
fo eine üugend gemacht haben. Und auch Bernhard Fries könnte gerade einem der
Münchner Modemaler der 3^it, der fehr von oben herab fagte: „Ja, lieber Kollege,
zeichnen muß man vor allem können,“ die klaffifche Antwort gegeben haben: „Mol’n
awer a!“

Die Galerie ÖLIedells in Hamburg
Mit einer Abbildung auf einer Tafel Von ALFRED ROHDE-Hamburg

Bilder in feftlichen Privaträumen, deren Ulände mit warmen Capeten, deren Decken
mit Holzvertäfelung, deren Fußboden mit Ceppicßen belegt find, haben für den
Befcßauer immer einen großen Vorteil im Vergleich zu Bildern voraus, die in
langen Galeriefälen hängen. Die Umgebung fpricßt mit und diefe wirkt durch ißre an-
heimelnde Feftlicßkeit von vornherein beftechend. So wird auch der Eindrude, den die
Hamburger Galerie öüedells macht, in erfter Linie beftimmt durch die ganz andersartige
Umgebung, die den Bildern ihr befonderes Eigenleben verfchafft.
Die Sammlung Uledells1 wurde dem Hamburger Staat teftamentarifch vermacht unter
der Bedingung, daß die Bilder im Haufe verbleiben und nur hier gezeigt werden dürfen.
Eine harte Bedingung in unferer wirtfchaftlich fo feßwer kämpfenden 3ßit. Aber man
fand doch eine fympatßifche Löfung. Das obere Stockwerk des Haufes in der Neuen
Rabenftraße wurde als Dienftwoßnung des Senates für einen Bürgermeifter ausgebaut,
die unteren Räume überließ man diefem als feine offiziellen Empfangsräume, und im
mittleren Stock blieben dann — auf diefe ÜUeife oßne erhebliche Koften für den Staats-
fäckel — zwei große 3iuuuer übrig, in denen man die etwa 40 Bilder unterbräche,
die nach Ausfcßeidung einiger ganz unwichtigen übrig blieben.
Man wird keine allzu großen Erwartungen ftellen dürfen, nur dann wird man in
diefem Bilderbeftande eine willkommene Ergänzung zur Kunftßalle erblicken können,
der italienifcße Bilder fo gut wie ganz fehlen. Der erfte größere Raum ift der
itaiienifeßen Scßule gewidmet. 3wei kleine Bildchen der Giotiofcßule und eine Madonna
des Daddi, in der man wohl ebenfalls befcheidener nur ein Schulbild erblicken wird,
geben uns eine Ahnung von der ßorentinifeßen Crecentomalerei. Ein dem Franciabigio
zugefdßriebenes Bildnis überrafeßt durch feinen feinen Ausdrude, ift aber im übrigen
dodß ftark übergangen. Der Gßirlandaiofchüler Sebaftiano di Bartolo Mainardi (f!513)
ift dureß eine Madonna mit Kind, dem kleinen Johannes und Engeln vertreten, die pci)
in mehreren üüiederßolungen im Louvre, in den Ufpzien, in St. Gimignano und in
Neapel beßndet. Außer einem kleinen Paris Bordone, 1552 datiert, fei noch auf einen
1 Für die Ängaben der Provenienzen der Bilder und für wertvolle Hinweife bin ich Hßrrn Martin
Fedderfen-Hamburg zu Dank verpflichtet.

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