Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Doucet bei dem Bau [eines Schloff es befcßäftigt, wo fie logifd) und nüßlicß ißre Talente
entfalten können. Ein befcßeidener Bildhauer dagegen wie Despiau, kann weit von
dem Lärm kombinierter Politik der Kunftßändler, Kritiker und neidifcßen Künftler in
feiner 3urückgezogenßeit Bü[ten und Figuren modellieren, die ernfteften Klerke unferer
Tage, die intenfivften und einfachen, die allein durch ißr intimes Kiefen fo fprecßend
wirken und nur von einigen wenigen ehrlichen Künftlern wie Derain, Dufresne und
Segonzac verbanden werden. Ein fo glückliches von der Tageskritik unberührtes Los
wie es Despiau zugefallen ift, beneiden bereits alle ernfter Schaffenden.

Von GEORG BIERMANN / Mit
fünf Abbildungen auf drei Tafeln1


Lo vis

3 u dem künftlerifdjen ülerk der lebten J a 1) r e
orinth überfchreitet im Sommer (Juli 1922) die Schwelle des vierundfecßzigften


Lebensjahres. Das Kngeftüme feiner Schaffensfreudigkeit hat zugenommen in dem

Maße wie feine phyfifcßen Kräfte nachließen. Schon 1911 glaubten viele, daß
diefem Leben, das damals fcßwerer Krankheit verfiel, ein 3^1 gefetjt fei. Seitdem find
elf Jahre vergangen, d. ß. innerhalb der künftlerifchenEntwicklung unferes Meifters eine
3eitfpanne von einzigartiger Produktivität und Vertiefung.
Allein was der Graphiker Corinth in diefen Jahren gefcßaffen hat, würde bequem
das Lebenswerk eines einzelnen Künftlers ausfüllen, würde nach Intensität und innerem
Ausmaß getroft den Vergleich mit dem grapßifcßen Klerk eines Goya rechtfertigen. Dazu
die Fülle der 3etd)nungen, Aquarelle und nicht zuletjt der Gemälde, die vielleicht als
Ausdruck des weniger reflektiv empfangenden als vielmehr von innen heraus nach Ge-
ftaltung drängenden Geiftes das erftaunlichfte Seiten einer überrafcßenden Lebensfülle
und Jugendlichkeit find. Gerade diefe Gemälde der lebten Jahre aber find es, die den
Meifter von einer wefentlid) neuen Seite zeigen und die unfere Vorftellung von Lovis
Corinth um eine fehr fympathifche Note bereichern.
Nicht ihre malerifche Kraft und die Feinheit einer bis zum äußerften auf ftarken
Raufet) der farbigen Elemente eingeftellten Palette ift für den Kenner der Corintßfcßen
Entwicklung an diefen Schöpfungen das Überrafchende ■— denn dies allein ift Fazit
einer mit ähnlich feiten erlebter Folgerichtigkeit fid) emporfteigernden Fülle von Können,
Temperament und Freude an Gottes fießtbarer Kielt -— fondern dies, daß ein von Ge-
danken 3eit feines Lebens fo ungemein trächtiger Geift, der fid) fo oft ins Literarifcße
und fpeziell in die Kielt Fjomers und ins deutfeße Mittelalter verfenkte, fiel) hier der
Natur gegenüber auf die Formel des ureigentlicßen Seins befeßränkte. Das, was auch
Cezanne als letztes 3iel feines Künftlertums erftrebte „realiser la nature“ feßeint in dem
Idiom der Corinthfchen Sprache und mit den ißm eigentümlichen malerifcßen Mitteln
müßelos erreicht. Aber diefe Realifation ift nicht Kopie des optifd) Faßbaren mit den
immer unzulänglichen Mitteln eines malerifcßen Fjandwerks im Sinne der Akademiker
oder Nur-Naturaliften, fondern Verwirklichung des Kosmifcßen, das die Natur als
Gottes Antlitj dem Gefüßl des Einzelnen offenbart, wofern diefer wie der Künftler
fäl)ig ift, hinter dem äußeren [ubftantiellen Dafein der Dinge immer den Sinn des
Ewigen, Überfinnlicßen zu erlaufcßen. Der ift in Cezannes beften Schöpfungen greif-
bar, wenn aus dem Gefüßl heraus naeß den Gefeßen ewiger Dämonie naeßtaftend
Form dureß Farbe wurde; den empfindet man aueß (auf andere Kleife zwar) im An-
blick diefer Corintßfcßen Landfcßaften, die zwar weniger „aufgebaut“ find als dieKIerke
des älteren Franzofen, in einer dem deutfeßen Empfinden homogeneren malerifcßen Sprache
1 Die Ölliedergabe erfolgt mit Genehmigung der Kunßßandlung Friß Gurlitt, Berlin.

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