Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Kunft auf Bali

Von KARL WITH / Mit drei
Abbildungen auf drei Tafeln

Für Moissey Koyan zu seiner Rückkehr nach Deutschland.
Die balinefifcße Sprache hat kein tQort für Kunft und kein (Hort für Künftler. Qnd
dennoch fließt das Leben diefes Volkes über in einen fo blühenden Reichtum
von Feften und Qempeln, von Bildwerken, Schmuck und Ornamenten, von Gaben
einer verfcßwenderifcßen Luft zur Geftaltung und zum Spiel. Eine Flut von Pßantafie,
von Formfülle und Kraft der Äußerung, die in alles überftrömt, was aus den fänden,
Kerzen und Leibern diefer Menfcßen quillt. Ganz voller Qnmittelbarkeit, durchblutet
von einem Segen der Sinnlichkeit, gefättigt von Fruchtbarkeit und durchdrungen ganz
vom Lebensraufch, der aus dem naturhaften Künftlertum diefer Bauern aufwächft und
ftändig fich aus fich felbft heraus erneuert.
Qlir aber haben Architekten, Bildhauer, Maler, Mufiker, Dichter, Schaufpieler aus
Beruf; haben Kunftausftellungen und Mufeen, Kunftgewerbe und Kunftwiffenfchaft,
Kunfthandel und Kunftkritik.
Aber haben wir aud) Feftlicßkeit? Erfüllt unfer Leben fich im Überfchwang künft-
lerifcher Cat und Freude? Baut unfere Kunft einen fjimmel um uns alle auf, daß
unfer Fjerz aufgeht, daß unfer Leib in den Qlirbel ßimmlifcßer Göttlichkeit ßineingeriffen
wird? Raufcht die Flut begeifterter 3eugungsluft durch unfer Blut? Dichten die Fjände
unferer Kinder im Spiel, wie Sonne und Schatten miteinander fpielen? 3aubern wir
Cänze aus unfern Leibern? Singen die Frauen und fliegen dabei wie die Vögel?
Meißeln unfere Bauern und feßnifsen ißre Seele in ein Stück 5olz hinein? Sind unfere
Käufer aus dem Boden gewaeßfen; find unfere Kleider eine atmende FJaut unferer
Körper; find unfere Kirchen etwa noch Raufcßgeburten? Qnd die Mufeen find fie nicht
Qotenfcßaußäufer, in denen raufcßlofe und feßeintote Menfcßen wie Masken gefpenftern
oder IQiffenfcßaftler den Staub der Jahrtaufende pßilologifcß getreu abwifeßen? Qnd
alle diefe „Veranlagungen“, bei denen eine ftarre und ftumme Menge gegen Bezahlung
fiel) der künftlerifcßen Qual einiger Qleniger hingibt und anvertraut.
0, die Künftler unferer 3eit! Märtyrer und Abfeitige, denen nirgends QJiderßall und
Gemeinfcßaft ift. Lebenskrüppel oft, die aus ißrer Einfamkeit und Armut ißren Reich-
tum maeßen; die fieß verbrauchen an der Kälte ißrer Qmgebung, fiel) zerftoßen an der
3erriffenßeit ißrer Qmwelt; die fieß nicht durch fiel) felbft, fondern nur durch das Objekt
ißrer Leiftung ausleben und beruhigen können, die — gezwungen zur Arbeit, ver-
gewaltigt zur Äußerung, nur auf ißr abgeriffenes Künftlertum geftellt — fieß in fieß
felbft ßerumwälzen, ißre PJößepunkte verlieren und damit fiel) felbft und die Qlirklicßkeit.
Qnd die glückhaften und namenlofen Künftler auf Bali! QIo der Bauer feinen Feier-
abend in eine Figur ßineinfcßnitjt, Kinder bunte Ornamente auf Palmblätter malen, wo
eine Dorffamilie einen unheimlich buntverzweigten Leicßenturm aufbaut, wo die Frauen
zu Ehren der Götter und fieß felbft zur Luft fieß fcßmücken wie Göttinnen und aus
Opfergaben riefenßafte blühende Stilleben erfinnen; wo der Bauer auf dem Felde, wenn
ein Gott über ißn kommt und ißn begeiftert, ßingeßt und am Eempel fein Gottbild oder
feine Dämonenmaske meißelt, indes die Nachbarn fein Feld und feine Familie in Obßut
neßmen, und der nach vollendetem Olerk als Bauer zu feiner Arbeit zurückkeßrt. OIo
aus dem Nichts eines feftlicßen Anlaffes eine trunkene Gemeinfcßaft erwäcßft im Feft,
zum Ganz, zur Prozeffion, zum Oempelbau.
ßaben aber wir überhaupt noch ein Recht, von Kunft zu fprecßen, von einer Kunft
auf Bali, oder in China, oder in Indien, oder in Ägypten, da diefes CQort von uns fo
entwürdigt, entheiligt, verfcßliffen und verßurt ift, da wir diefen fpracßlicßen Klang, der
ein fo Gewaltiges aus dem Leben der Völker bedeutet, dem das erfeßütternde Erlebnis
des Menfcßen zur unendlichen Qmwelt zugrunde liegt, das aus der ßöcßften Liebe ge-

Der Cicerone, XIV. Jaljrg., §eft 9

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