Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Jaßresfcßau deutfcßer Arbeit in Dresden

Von PAUL SCHUMANN


Deutfcfye Erden: Porzellan — Keramik — Glas

Der leitende Gedanke der Dresdner Jaßresausßellungen, die im laufenden Jahre durch die Aus-
ftellung Keramik und Glas eingeleitet wird, ift: „alljährlich einer bedeutenden Berufsgruppe
Gelegenheit zu überpd)tlid)er Darftellung ihrer ttlefensart zu geben, ihre Bedeutung für das
Volksganze und für den einzelnen zu zeigen“. Sie foll „auf dem Gebiete der reinen ted)nifd)en
Arbeit, die befonders eindringlich zur Geltung kommen füllte, zeigen, wie befonders hoch hier An-
forderungen und Leitungen find; fie foll auf dem Gebiete der künftlerifchen, gefchmacklichen Er-
zeugniffe das vielgeftaltige ernfte Streben von Induftrie und Fjandwerk veranfchaulichen, vom ein-
fachften Gebrauchsgegenftand an bis zum künftlerifchen Originalwerk“.
Daß nur Qualitätsarbeit uns wieder emporbringen kann, ift nach dem Kriege fo oft gefagt worden,
daß es nachgerade eine Binfenwahrheit geworden ift. GCIas aber ift Qualitätsarbeit? Ein zweiter
maßgebender Auffag der Ausftellungsleitung fagt: „Qualitätsarbeit ift einfad): gute Hrbeit. Gute
Hrbeit aber faßt zufammen: gute fachgemäß angewandte (Herkftoffe, gute fachgemäße Ausführung,
gute zweckmäßige Form, gute haltbare 3urid)tung und Aufmachung und — nicht zuletjt — das
ganze in gutem Gefd)madc.“ Nehmen wir hierzu die volkswirtfchaftlichen Erfordernde, die pd)
während des Krieges für den Weltmarkt herausgebildet haben, fo ergibt pd) nach dem oben an-
geführten Auffaße von Dr. Paul Krais (Dresden): „Die Qualitätsarbeit, die wir brauchen, muß in
der Richtung der Maffenware gehen, die unter voller Ausnützung der Rohftoffe möglichft weit-
gehend mafd)inell erzeugt, vorzugsweife als Spezialität rafd) verkäuflich ift, pd) der 3eit
und Mode anpaffen kann und auf der Grundlage möglichft vollendeter Vorlagen ßer-
geftellt wird.“
Über alles andere iß kein ernfthafter Streit möglich, nur über däs Verhältnis der Qualitätsarbeit
zu Gefchmack und Mode werden immerdar die Hnfid)ten auseinandergehen. Das zeigt auch die
gegenwärtige Dresdner Husftellung von neuem. Die ausgeftellten Rohftoffe, z. B. Fjohoribockaer
Sand, die Rohftoffe der Porzellan- und der Glasfabrikation, die Farben für Porzellanmalerei, z. B.
von Dr. Bidtel (Meißen), die rein tecßnifchen Erzeugniffe, z. B. das Sd)ottfd)e Glas für wiffen-
fchaftlichen und tecßnifchen Bedarf (Jenaer Glaswerk Schott und Genoffen, Jena), die fäurefeßen
Steinzeuggeräte und -gefäße für Chemie und Elektrizität der Deutfchen Eon- und Steinzeug-
werke H.-G., Charlottenburg, die ßocßzuverläßigen Normalthermometer und das ftreng wiffen-
fchaftliche Glasgerät des Chemikers vom Verband deutfcßer Glasinftrumentenfabriken (Sih Ilmenau),
der 1920 für 270 Millionen Mark ins Ausland ausfüßrte, die Ifolatoren der Porzellanfabriken Fjßrms-
dorf S.-H. und Freiberg i. S. und vieles andere ähnlicher Art ift erften Ranges und kann fcßwer-
lid) beßer ßergeftellt werden. Betritt man dagegen die Abteilungen für künftlerifcßes Porzellan
und Steingut, fo wird man zwar auch hier durchweg tecßnifcß einwandfreie Leiftungen pnden,
neben künftlerifd) glänzenden und hervorragenden tüerken aber auch mancherlei Gefcßmackloßg-
keiten, Erzeugniffe veralteter Moden u. a. Das ift die Folge davon, daß die Auswahl der aus-
zuftelienden Gegenftände nicht einem künftlerifd) gerichteten Schiedsgericht übertragen, fondern
jedem einzelnen Fabrikanten felbft überlaßen werden mußte mit der Maßgabe, nur das aus-
zuftellen, was er für Qualitätsarbeit anfeße — fonft wäre die Husftellung überhaupt nicht zuftande
gekommen. Durch diefe Selbftverantwortung der FJerfteller für die ausgeftellten Gegenftände unter-
fcßeidet ficß die gegenwärtige Dresdner keramifd)e Husftellung grundfäßlicß von der epoche-
machenden dritten deutfchen Kunftgewerbe-Äusftellung Dresden 1906, durd) die Selbftverantwortung
der Ausfteller für die Aufmachung etwaiger eigener Räume auch von der gegenwärtigen deutfchen
Gewerbeausftellung in München.
Die beiden Abteilungen für Glas und Steingut pnd allerdings künftlerifd) einheitlich zufammen-
gefaßt. Der Raum für Steingut wurde von Prof. Max PJans Kühne (i. Fa. Loßow & Kühne,
Dresden) als große einheitliche Balle mit gegeneinander oßenen Kojen ausgeftaltet, die nur durd)
freifteßende weiße Pfeiler als Einzelräume angedeutet pnd; die Mitte nehmen zwei lange Cifcße
mit Auffäljen ein, die durch Gefäße mit blühenden Pßanzen ein freudiges Ausfeßen erhalten haben.
Das ganze Raumgebilde wirkt bei aller Einfachheit feftlicß, bei aller Mannigfaltigkeit der aus-
geftellten Gegenftände künftlerifd) gefcßloßen. Ganz vorzüglich ift aucß die große Glasßalle, die
Prof. FJeinrid) Ceffenow durd) angenehme Verßältniße und indem er die Kojen durch hölzerne
Rundbogen voneinander fcßied, künftlerifd) fcßlicßt und mit den einfacßften Mitteln vornehm aus-

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