Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Betriebfamkeit willen, diefe mit Getöfe leerlaufende Mafcßine, mußte Nauen fo wefens-
fremd fein, daß es wol)l nicht der ßäßlicßften Äußerungen des dortigen genius loci
bedurft hätte, die Seßnfucßt nad) feiner niederrßeinifcßen fjeimat in ißm übermächtig
werden zu laßen. Als habe ein geheimnisvoller Inftinkt ißn geleitet, die tiefe Ab-
gefcßiedenßeit der (Uafferburg im Ried aufzufucßen, weil die 3eit erfüllt war, hat er
aus diefer Berührung mit dem mütterlichen Boden, antäusgleid), die Kraft gezogen, die
fchönen Verfprechungen feiner Jugend mit der Erfüllung des Mannesalters zu krönen.
Von hier datiert der eigentliche „Nauen“.
Es ift nicht müßig, wenn hier die innere große Vereinfamung, zu der fid) häufig
auch die äußere gefeilte, fo ßerausgeftellt wurde. Nauens finguläre Und etwas ab-
feitige Stellung in der modernen Kunft, Art und Cempo feiner Entwicklung, fowie das
fpezißfcße Gewicht feines (Uerkes laffen fid) nur von hier aus richtig würdigen. Die
Beurteilung einer Produktion, die dem Ausftellungsbetrieb unferer Lage mit fo ent-
fchloffener Bewußtheit fernfteht, wird nur dann eine gerechte fein, wenn man ihr
(Uefentlicßes an den Quellen auffucßt und dafür vieles eliminiert, was fiel) ohne oder
gegen den (Hillen des Künftlers durch lange Jahre auf mancher gelegentlichen Kunft-
[d)au und in allerlei Kunfthandel herumtrieb. Nauens Freunde haben oft mit Bitter-
keit das Hnrecht empfunden, wie dadurch bas Bild feines Schaffens entftellt wurde:
unfertige, dem gutmütigen Künftler im Atelier abgedrungene Leinwände, oder in
Stunden fchnell herunter gemalte Skizzen — für ihn nur (Uegweifer und Brücken zu
farbigen und kompofitionellen Problemen feiner großen Bilder, — hingen zwifchen den
(ebenfalls unfertigen) Elaboraten eilfertiger, von der Ausftellungsfurie gejagter 3eit-
genoffen, galten weiten Kreifen kraft Format, Ölfarbe und Katalog als „Bilder“, und
nur die Eingeweihten wußten, daß hier nicht, wie bei den Nachbarn, Endgültiges ge-
geben war. Das Endgültige, das „fertige Bild“ — man denkt an Cezannes „wie die
alten Meifter in den Mufeen“ — das ift das oft ausgefproeßene Ziel von Nauens
Kunft, und wir werden fehen, wie er, in feiner Einfiedelei vergraben, taub gegen die
Lockungen eines falfcßen Ruhms und eines lärmenden Merkantilismus, darum in unge-
heurer 3ähigkeit gerungen hat.
Über Nauens erfte Entwicklungsperiode, die etwa von 1898 —1910 reicht, find
Märchen im Umlauf, die deshalb nicht wahrer werden, weil fie zählebig find. Den
unleugbaren, ftarken und Jahre nachhaltenden Einfluß, den van Goghs Kunft auf ißn
ausübte, hat man auf die unfachlichfte Art gegen ihn ausgefcßlacßtet. Statt die Er-
klärung in der Gleichartigkeit der Raffe, des üemperaments, der künftlerifchen Kon-
ftitution und der (Ueltanfcßauung zu fuchen, entrüftete man fid) über Plagiat.
Es ift immer von großem Reiz zu fehen, wie ein junger Künftler fiel) mit einem
älteren auseinanderfe^t, vorausgefeßt, daß er nicßt in feinem Vorbild ftedken bleibt,
und wir haben erft kürzlich die fchmerzliche Freude gehabt, bei dem zu früh verdorbe-
nen tUilßelm Morgner einen dem Nauens ganz ähnlichen Entwicklungsgang feftzuftellen.
(Uas aber foll man fagen, wenn Leute, die ausgerechnet Brockhufen fammelten, Nauens
Bilder jener Epoche als „Imitationen“ ablehnen zu Jollen glaubten?! (Har es fo feßwer,
an der Qualität diefer gefühlten Form und differenzierten Farbe zu merken, daß es
fid) unmöglich um fklavifcßes Nacßbeten handeln konnte? Nacßzuempfinden, wie er
pd) feßrittweife von feinem Mentor entfernte? Das große Erntebild von 1909, der
Sd)lußftein der Reiße, ift ein letzter „üommage ä van Gogh“, gleichzeitig aber fo
voller neuer Anfätje, daß man heute nicht meßr begreift, wie man das in Deutfcßland
überfeßen konnte; in Paris war das bekanntlich anders, und Matiffe, der den un-
bekannten Deutfcßen freudig beglückwünfcßte, wäre woßl feßr erftaunt gewefen, das
Urteil des Vaterlandes über feinen Propheten zu vernehmen. In diefem 3ufammenßang
fei als Kuriofum erwähnt, daß die erfte Studie zum „Grabenden Bauer“ auf der
Rückfeite einer Poftkarte — durch den Poftftempel von 1904 genau datierbar ift. Eine
farbige Skizze dazu entftand nod) im gleichen Jal)re. Erft im folgenden aDer faß

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