Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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niften und Nacßimpreffioniften darftellt. Als Führer diefer Richtung tritt woßl mit Recht
Segonzac auf. Seine Jünger Moreau, Dufresne, Gromaire, Alix zeigen alle perfönlicße
Eigenart, im befonderen Kikert, deffen Einfluß auf diefe Gruppe mit der des Engländers
Bonnington am Anfang des 19. Jahrhunderts verglichen werden kann. Keiner feiner
3eitgenoffen ift in fo hohem Maße in die Geßeimniffe der alten ßolländifcßen Meifter
eingedrungen. Man fühlt fogar ein Bedauern über diefes vollftändige Befcßränken
eines fo Kliffensftarken auf feinen ßolländifcßen Archaismus. Klas aber feine Parifer
Freunde von ihm in diefer Hin ficht gelernt haben ift für die augenblickliche künftle-
rifd}e Entwicklung von großer Bedeutung. Von den zwei Richtungen nämlich, die fid)
heute hier gegenüberfteßen, kommen die einen in ihrer gedrungenen Malart in gerader
Linie von Rembrandt, die anderen, die alten Fauviften wie Friesz oder die Schüler des
großen Eklektikers Derain feßen ißr 3iel in einem ftreng klaffifcßen Aufbau, oder aber
die Nacßkubiften wie Andre l'Fjote, Bissiere, meift Handwerker, meßr Aquarelliften als
Maler. Darüber hinaus konnte man ein fo originelles Klerk wie die Kompofition
Legers feßen, das einige Ähnlichkeit mit den Plakaten Jossots, einem Freunde Gaugins,
zeigt, der auch einmal vor Jahren Mode und Cagesgefpräcß war, zu einer 3eit, als der
Kubismus noch etwas Neues und noch nicßt derart mitgenommen war. Man vergleiche
die kläglichen Refultate der zweiten Vente Kaßnweiler, wo die Gemälde der Kubiften
vor Derain und Vlaminck ganz in den Hintergrund treten mußten.
Erwähnenswert ift auch die Corot-Ausftellung bei Garrec, die zum erftenmal nach
dem Cod des Meifters fein gefamtes grapßifcßes Klerk vereinigte. Man faß hier die
fcßönften und feltenften Probedrucke, auch die berühmten „procedes sur verre“, eine
Erfindung feines Freundes Dutilleux. Diefes Verfahren, auch kurz Glasklifcßee be-
zeichnet, deffen Cecßnik in dem Abdruck einer 3eicßnung auf Glas befteßt, wurde
außerdem auch von Daubigny, Delacroix, Millet und Rouffeau angewandt.
Die Scßwarzweiß-Ausftellung der Galerie Kleill war fcßon in ißrer 3ufammen-
ftellung intereffant zu nennen. Im erften Saal konnte man 3eichnungen von Matiffe,
Picaffo, Valadon, Derain, Coubine und Galanis feßen, im zweiten Segonzac, Dufresne,
Kikert, Moreau, Marcßand, Gromaire und Lotiron. Arbeiten der fogenannten Pßantaften,
der Marie Laurencin, von Pascin und Chagall waren in einem dritten Saal vereinigt.
In den intimen Räumen diefer Galerie zeigten pch beffer als an anderer Stelle die
unterfcßiedlicßen Tendenzen der 3eit- Auch hier ftanden wieder die Poftkubiften mit
ißrem an die Antike oder Renaiffance erinnernden Formenkult der Gruppe um Segonzac
gegenüber, die Cräger der Cradition eines Rembrandt und Daumier.
Die Bilder Vlamincks bei Bernheim Jeune beftacßen wie immer durch ißre Einfach'
heit und lebensvolle Gefälligkeit. Seine Kunft iß leicßt, aber weil er ftets feinen Inten-
tionen vollkommenen Ausdrude zu verleihen verfteßt, wird man reichlich durch das
ficß darin äußernde Naturell entfcßädigt.
Schließlich ift noch die Ausftellung von Arbeiten Ifaac Grünewalds in der Galerie
La Licorne zu nennen. Auf großformatigen, dekorativen Gemälden verfteßt Grünewald
in üppig temperamentvoller Art feine orientalifcße Pßantaße zur Klirkung zu bringen.
Als langjähriger Scßüler von Matiffe ift eine ftarke Gebundenheit an feinen Lehrer
allerdings unleugbar. Im Vergleich mit all diefen Malern aus den Ghettos des Orients,
Ruffen, Südamerikanern, Portugiefen und felbft Japanern, die ißre Leinwände in den
Cafes des Montparnaffe aufgehängt haben, ift fein Calent bedeutend eigenartiger zu
nennen. Der 3aßl ißrer Sterke nach find diefe Maler imftande, mit den größten Ge-
mäldegalerien zu konkurrieren. Dem Quartier Montparnaffe wird dadurch ein pitto-
reskes Ausfeßen verließen und den Kaffeeßausbefißern muß man das Verdienft zu-
fpreeßen, zur Entwicklung der modernen künftlerifcßen Kultur beigetragen zu haben.
Kler weiß, ob fie nicht einem neuen Cezanne die Gelegenheit bieten, bekannt zu
werden.

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