Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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der dringende Cüunfd) ausgefprochen werden, das Erfcheinen des feit mehr als zehn Jabren er-
warteten und verfprocbenen Plaftikkataloges des Bayr. Nationalmufeums nicht länger hinauszu-
fdjieben. Soll nun aucb diefe Gelegenheit, einen Ceilkatalog der Münchner Elfenbeine erlernen
zu laffen, ungenützt vorübergeben?
Bekanntlich ift die Münchner Sammlung eine der wid)tigften und reichhaltigften diefes edlen
Materials, das im 17. und frühen 18. Jahrhundert ausfd)ließlid) für Kleinplaftiken Verwendung
fand. Es löfte die Bronze ab und verfd)wand mit der Erfindung des Porzellans, gewißermaßen
einen Übergang von den fd)weren mäßigen Formen jenes zu den grazilen diefes Materials bildend,
Durch die Möglichkeit, papierdünne, durchbrochene, vielfach verfchnörkelte Formen aus ihm her-
zuftellen und fo Änlaß zu allerlei Kunßßüdcchen bietend, war es das adäquate Material des
17. Jahrhunderts. Lokal ift feine Verwendung hauptfächiid) auf Deutfdpand und die Niederlande
befchränkt, weniges nur ift in Frankreich und Italien entftanden.
Die Münchner Elfenbeine kommen in der Fjauptfache einerfeits aus dem kurbayrifcben Kabinett,
das Maximilian I. begründete — er wie fein Nachfolger haben pd) felbft in diefer Kunft verfud)t —
anderfeits aus Düffeldorf, wo Johann CUilbelm von der Pfalz fie gefammelt hat. hierdurch pnd
die Meiper beftimmt, die den Kern der Münchner Sammlung bilden: Ängermair, Croger, Leoni,
Eihafen. Um pe fcbaren pd) eine Reihe Kleinmeifter wie Vitus Grauppensperg, Fux, Franz und
Dominikus Steinhardt, Magnus Berg, nod) unentzifferte Monogrammiften und Einzelßücke unbe-
kannter Meiper.
Der erfte Großmeifter, der genannt werden muß, ip Cbripopb Ängermair, dePen bekanntepes
CQerk der 1618—24 für Maximilian verfertigte Münzfcbrein ip. Im Ornament und der Äusgeftaltung
der Szenen von einer überquellenden Pbantape, läßt er in der kühlen Formbehandlung der Figuren
einen Künftler erkennen, der im Stile italienifcber Renaipance arbeitete. Dies bezeugt auch das
Relief der heiligen Familie, das das Datum feines Codesjahres (1632) trägt und an Sarto denken
läßt. Im Cecbnifcben laPen feine Cüerke, von denen nod) ein Porträt Maximilians I. und ein feßr
feiner Spiegelrahmen genannt feien, einen gefdpckten, forgfältigen Ärbeiter erkennen. Von Simon
Croger pnd als bezeichnende ülerke feine beiden Freigruppen (Kains Brudermord und Fjerkules
und der nemeifche Löwe) zu nennen, da fie feine Eigentümlichkeit, Elfenbein und Fjolz Zu ver-
binden, zeigen. Es ift dies ein typifcher 3ug des naturalipifd)en Barock des 17. Jahrhunderts. Ins
18. Jahrhundert führen Leoni und Eihafen, die am kurpfälzifcßen Fjofe anfcbeinend in Konkurrenz
panden, wie gewipe gleiche Ärbeiten anzudeuten fcbeinen. Von beiden ip eine große Reihe von
Ärbeiten mit Darpellungen mytbologifd)en und kirchlichen Inhalts vorhanden. Leoni bleibt nod)
immer rätfelhaft, da von ihm außer den Infd)riften auf feinen Ulerken und einigen Erwähnungen
in alten Äkten — auch in Venedig — nichts nachzuweifen ip. Er ift wohl der virtuofepe aller
Elfenbeinkünftler gewefen, der pd) nid)t fcheut, feine Reliefs in Freipgurengruppen aufzulöfen.
Von feinen Freipguren ip vor allem ein heiliger Rod)us erwähnenswert. In der tiefen Reliefbehand-
lung, den bewegten Kompoptionen, den graziöfen, manierierten Formen bildet er zu dem ruhigen,
glatten, antikifchen Eihafen einen polaren Gegenfalj. Die 3ahl feiner wie auch der Cüerke aller
anderen Künßler ift durch die Neubearbeitung beträd)tlid) vermehrt worden, fo daß eine Äufzählung
auch nur des tUefentlichften den verfügbaren Raum weit überfd)reiten würde. Von anonymen
Einzelßücken füllen aus der 1. Fjälfte des 17. Jahrhunderts ein prachtvoller Knochenmann, der die
Stimmung des 3eitalters der Gegenreformation und des dreißigjährigen Krieges treplid) veran-
fd)aulid)t, und aus dem vollerblühten Rokoko ein virtuos gearbeiteter Bifchofftab aufgezählt
werden. Die gotifche Cradition fcheint nod) in einer Madonna der Münchner Schule der l.I)älfte
des 17. Jahrhunderts fortzuleben, die in ihrem belebten Faltenwurf eine eigenartige Kombination
von Gotik und Barock aufweift.
Von niederländifchen Ärbeiten feien vier entzückende ovale Reliefs mit fpielenden Putten von
Lucas Faydherbe, die das fröhliche Leben Rubensfcher Kinderdarßeilungen atmen, fowie ähnliche
Darpellungen feiner Nachfolger Jan Cosjns, Manfel und Schneemackers erwähnt. Im Gegenfatj zu
der meift kühlen Formbehandlung der deutfchen ölerke, zeichnet die niederländifchen blühende,
oft kraftßrotjende Formen, die alle mehr oder weniger innig von Rubens Cemperament angeregt
fdbeinen, aus. Frankreich ift durch ein reizvolles weibliches Brußbild vertreten, ein Stück von einer
feltenen Eleganz in der Behandlung des Gepchts und der Kopfdrehung. Franzöpfch iß wohl auch
eine Urne, die intereßant durch ihre fpäte Entßehung fd)on den Stil Louis XVI. zeigt.
Von den gedrehten Gefäßen mögen den modernen Betrachter vor allem die einfachen, fd)lid)ten
aus dem fpäten 16. und frühen 17. Jahrhundert anziehen. Uleniger fympathifch berühren uns die
wohl virtuos behandelten, aber fpielerifd) anmutenden des fpäteren 17. Jahrhunderts.

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