Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Kunft politik

nur Kunftgegenftände zufammengebracht, die
München Ehre machen werden. Das alles ge-
fd)ah aber eben nur durch einen 3ufal 1!
Von h)ier aus läßt fid) nicht beurteilen, ob die
ganze Ausftellungsidee der Äusfluß einer anti-
norddeutfcßen Strömung in München i[t. Viel-
leicht läßt pch das drüben nod) feftftellen. Es
würde zum minderten intereffant fein. Klie dem
aber auch fei, der Verfaffer diefes muß erklären,
daß er es für einfach unverantwortlich hält, daß
zu diefen feiten, wo man für die armen deut-
fchen Kinder hier ftändig um Gaben bettelt und
betteln muß und deutfche Künftler und Schrift-
fteller den fcßwerften Kampf kämpfen, um fid)
über Kläffer zu halten, eine Summe von ein und
einer halben Million Mark in diefer, man kann
nur fagen, liederlichen Kleife auf ein derartiges
Experiment hinausgeworfen werden, Klir haben
hier feinerzeit im Frühjahr — Duzende von uns —
auf dringendes Bitten von Münd)en aus, drei
Klochen lang von früh bis in die Nacht auf
einem Bazar allerlei Münchner Kunft und Unkunß
ans Publikum zu bringen verfucht und aufdiefe
Kleife auch eine refpektable Summe zufammen-
gebracht, um arme Münchner Kinder zu ernähren.
Und nun hat man für ein fo planlofes, ja in
feinem Urfprung tolles Unternehmen eine folche
Summe übrig und vertut fie hier in Amerika!
Ja die Münchner fcheinen fogar noch mehr
Geld zu haben, das fie gar zu gern hier los-
werden möchten, denn fie haben einen fjerrn
hier in eines der teuerften Fjotels gefchickt, um
für eine baldige Ausftellung der Münchner Se-
zeffion hier zu agitieren! Klenn die rechte 3eit
für eine deutfche Kunftausftellung hier gekommen
ift, wird eine folche von Klert fein. Klird fie
forciert, kann fie nur auf lange hinaus Schaden
anrichten.
Klird man endlich nicht drüben einfehen, daß
diefe Eigenbrödelei Münchens und eventuell an-
derer nur einen üblen Eindruck macht? Klill
man gar in deutfehen Landen das hiefige Mufeum
fid) zum Mufter nehmen, das im vorigen Jahre
feines Jubiläums zwar von franzöfifcher, eng-
lifcher ufw. Kunft, aber nur von einer von Nürn-
berg und Augsburg etwas wußte? Einigkeit
zuhaufe, meine PJerren, und Klugheit und Vor-
ficht außer Landes! Das möge man endlich,
endlich einmal lernen! F.
Das neue franzöfifdje Kunftfteuer-
gefefe
Durch Inkrafttreten des foeben bekannt ge-
wordenen neuen Gefegentwurfes ift das Aus-
fuhrverbot von 1920 und ebenfo die 15-, 20- und
25prozentige Verkaufsbefteuerung von Kunft-
werken aufgehoben, dagegen fordert der Staat
die Anmeldung aller Kunftgegenftände, die einen
hiftorifd)en oder nationalen Klert darftellen, und
behält fid) bei einer etwaigen Veräußerung nach
dem Ausland das Ankaufsrecht auf eine folche

Arbeit vor. Als Steuerabgabe werden 11% vom
Verkaufswert erhoben, davon fließt 1% einer
ßskalifchen Kaffe zur Erhaltung der nationalen
Kunftdenkmäler zu. Von der Befteuerung wer-
den fämtliche Originalkunftgegenftände mit Aus-
nahme der Arbeiten lebender und innerhalb
20 Jahren verftorbener Künftler betroffen. Diefe
im ganzen genommene außerordentliche Reform
garantiert den franzößfehen Händlern wie auch
den Sammlern und Künftlern die größtmögliche
Freiheit und fteht in diefer Fjinpcht im kraffepen
Gegenfag zu den augenblicklichen kunftpolitifchen
3uftänden in unferem Lande. k.
Sammlungen
3ur Neuordnung der Cüiener
Galerien
In der Neuordnung der Kliener Galerieverhält-
niffe (vgl. die früheren fjefte des Cicerone) ift
man nun doch zu einigen entfeheidenden Er-
gebniffen gekommen, die vor allem den Be-
mühungen des fachmännifchen Beirats im Unter-
richtsminißerium, Reg.-Rat Prof. 5- Eiege, zu
verdanken find. Das untere Belvedere wird
ganz der öfterreid)ifchen Barockkunft gewidmet,
während das 19. Jahrhundert, Biedermeier und
Makartzeit, in den oberen bzw. unteren Sälen
des oberen Belvedere Aufftellung pndet. Die
gotifche Malerei und Plaftik Öfterreichs fcheidet
damit freilich aus dem Bepg der Staatsgalerie
aus und wird dem Staatsmufeum zugewiefen,
das feinerfeits als Gegengabe öfterreichifche Ba-
rockkunft zu leiften hat. Die Moderne ift im
Rahmen der Staatsgalerie verblieben und dem
neu einzurichtenden Ludwigstrakt im unteren
Belvedere zugewiefen.
Ein erfter Vorteil ift, daß pd) die Staatsgalerie,
die bisher kaum ein Sechftel ihres Beftandes zur
Aufftellung bringen konnte, ausbreiten kann, und
daß die Barockfäle des unteren Belvedere, von
den Bilderwänden befreit, zu voller Klirkung
gelangen und einen paffenden Rahmen für die
Barockkunft abgeben können. Bei der 3ufammen-
ziehung der bisher im Staatsmufeum, der Aka-
demie, dem Mufeum der Stadt Klien, dem öfter-
reichifchen Mufeum für Kunft und Induftrie, in
Laxenburg und im Münzamt verftreuten Barock-
fcpäge, find freilich nod) nicht alle Schwierig-
keiten überwunden, doch pnd trog des manch-
mal vielleicht begreißiepen Kliderftandes der
einzelnen Leiter und trog des langwierigen Kleges
zu den verfchiedenften Inftanzen, denen die
Sammlungen unterftehen, verheißungsvolle An-
fänge gemacht. So hat man endlich die bleiernen
Originalpguren des Donnerbrunnens am Neuen
Markt aus ihrem fcheunenartigen Aufbewah-
rungsort ans Cageslid)t gebracht und im Bel-
vedere aufgeftellt. Bezüglich der dem Staats-
mufeum verbleibenden barocken Kleinplaftik
mußte allerdings vom Prinzip abgewichen werden.

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