Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

Page: 221
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cicerone1922/0243
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
3ur Gefd)id)te des Biederraeierglafes
Mit einer farbigen Tafel and 14 Abbildungen Von GUSTAV E. PAZAUREK
alitb und Litfjy alin
Glas und Stein [ind vom kunftgewerblicßen Standpunkte alte Rivalen. Fefte Grenzen
laffen fiel) zwifcßen diefen beiden Stoffen fd)on deshalb fcßwer ziehen, weil
’ beide, wenigftens im kalten 3uftande, auf diefelben tecßnifcßen Bearbeitungs-
möglicßkeiten — ßauptfäcßlich Schliff und Schnitt — und damit auch) auf die faft ganz
gleichen Werkzeuge und Hilfsmittel angewiefen find. Der innige 3ufammenh)ang von
Glas und Edelftein ift vielleicht nie poetifcß fcßlicßter in Worte gefaßt worden, wie von
dem alten Joacßimstßaler Pfarrer Joßann Matßefius (1562), der in feiner 15. „Predig von
dem Glaßmacßen“1 erzählt, daß „vnfer Gott fein eggen Glaßßütten vnter der erden hat,
vnnd machet die fchönften durchfichtigen leibe, von edlen fteinen, Cryftallen, barillen,
Chalcedonien, vnd fchöne ßelle flüß, allerleg färben“. — Äber der Menfcß ftrengt fid)
feit jeher an, die Natur zu überbieten; abgefehen davon, daß ihm in den leisten Jahr-
zehnten die Sgnthefe der koftbarften Edelfteine bereits gelungen ift, hat er [ich feit
jeher bemüht, in Glas Äusfehen, Farbe, Klarheit und Leuchtkraft natürlich gewachsener
Steine — auch zu betrügerifcßen 3weeken — nachzuahmen. Ja, nicht zufrieden mit
dem, was die Natur bietet, fud)t er deren reiche Farbenfkala oder Äderungsftruktur in
der Glashütte zu übertrumpfen. Wenn der Hüttentechniker, der dem heißen Glafe leicht
allerlei, dem gewachsenen Stein nicht ftoffgemäße Formen zu geben vermag und in
den Größenverhältniffen der Erzeugniffe jeden Wettbewerb vollftändig fcßlägt, mit dem
Glascßemiker zufammenarbeitet, dann gibt es in diefer Richtung kaum noch) irgendeine
Schwierigkeit. Seitdem wir auch das Gold und Selen zur Rubinfärbung des Glafes be-
nützen und felbft Opal- und Äventuringlas erzeugen können, hat die ganze Mineralogie
an transparenten oder opaken Nuancen nichts mehr, was im Glafe nicht genau fo zu
machen wäre, und für manche bereits mit Glück verfucßte Farbenwirkung des Glafes
gibt es kein Naturvorbild, fo daß fleh der Edelftein faft nur auf feine größere Härte
und feinen, mit der Seltenheit wachsenden Materialwert berufen kann, gegen welche
Eigenfcßaften das verhältnismäßig feßr wohlfeile Glas natürlich den Kürzeren zieht.
Die teuerften Edelfteine waren es zunächst, die das Glas gerne imitierte; und das
gefeßaß oft nicht zu feinem Vorteil. Viel wichtiger wurde der Wetteifer mit den Halb-
edelfteinen. Abgefeßen davon, daß uns die Konkurrenz mit dem Bergkryftall eine
immer größere Vervollkommnung des farblofen Glafes bis zum feßönften Kryftallglas
brachte, führte die Anlehnung an Achat, Cßaicedon, Karneol oder fogar nur an ver-
feßiedene Marmorarten zu intereSanten Verfucßen mit Metallfalzen und Metallreduk-
tionen, die immer weitere Kreife zogen.
Die größten Schwierigkeiten hatten die Glashütten, bis gegen das Ende des 17. Jahr-
hunderts Kunckels Potsdamer Goldrubin den Bann brach), mit der roten Farbe. Granat-
oder Rubinrot war dem ganzen Altertum trotz feiner fonft überrafeßenden Glas-Farben-
fkala unbekannt. Die uns von Paufanias (um 180 v. Cßr.) übermittelten Purpurbecher
von Lesbos waren gewiß nichts anderes, als rötlich-violette Manganfärbungen, und
unter dem antiken „Hämatinon“ („Purpurin“)2 haben wir woßl mit Kupferoxydul ge-
1 Die befte Äusgabe in den „Äusgewäßlten fHerken“ des Matßefius, die Dr. Georg Loefcße im
Aufträge der Gefellfcßaft zur Förderung deutfeßer üüffenfcßaft in Böhmen für die „Bibliothek
deutfehjer Sch>riftfteller aus Böhmen“ XIV (Prag, 1904) beforgte, follte auch) in der Glasliteratur an
Stelle früherer, unkritifchjer Nachdrucke benü^t werden.
2 Die öüiedererfindung des „Haematinon“ („porporino antico“) im 19. Jahrhundert verdankt man
bekanntlich) dem Münchjner Chemiker und Hygieniker Max Pettenkofer, der dafür von der
Deutfchjen Induftrieausftellung in München 1854 eine Eßrenmünze erhielt. Vgl. den „Bericht der
Beurtbeilungs-Commiffion“ diefer Äusftellung, IX. Gruppe, S. 50, Nr. 683.

Der Cicerone, XIV. Jatjrg., ßeft 6

12

221
loading ...