Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Auf einem Felsftück im Schatten eines Lorbeerbaumes jießt man drei Männer, um einen
Globus jl^end, diskutieren, Ijart an ißren Füßen vorbei fließt ein Bacß, und mitten im Kläffer
rußt ein mächtiger Flußgott. Dürfen wir in den Männern, die als Abzeichen ißrer Dicßter-
würde Lorbeerkränze tragen, Dante, Boccaccio und Petrarca, die großen Dichter von Coskana
erkennen, fo ftellt fid) uns der Flußgott als Ärno dar und zwar als das Äbbild jener
„stupende bozze“, die Doni unzählige Male in der Medicikapelle bewundert hatte.
Man vergleiche den ßolzfdtjnitt mit dem nod) vorhandenen Corfo. Fjier wie dort
rußt der fcßwere Oberkörper des Flußgottes auf dem rechten aufgeftütjten Arm. Fjier
wie dort find die Oberfcßenkel gefpreizt, das linke Bein ift angezogen und das rechte
ift ausgeftreckt, ganz wie beim rußenden Adam und beim trunkenen Noaß in der
Sixtinifcßen Kapelle. Scßon Cßode vermutete, daß der Kopf des Flußgottes gefenkt
fein müffe. Klir finden diefe Vermutung beftätigt. Er trägt einen den Flußgöttern
eigentümlichen langen Bart und einen Lorbeerkranz um die Stirn. Der Ausdruck ift
finfter. Die Verßältniffe find zu klein, die üedßnik ift zu flüchtig, als daß man es
wagen könnte, hier von einem Stil, gefcßweige denn von dem Stil Michelangelos
zu reden. Es ift vielmehr ßöcßft waßrfcheinlicß, daß Michelangelo, der felbft nocß den
Kopf des „Cages“ unvollendet ließ, den Kopf des Flußgottes nur allgemein in der
Fjaltung fkizziert hat, oßne ißn in Einzelheiten auszuführen.
Über die Bildung des linken Armes, der für die ganze Auffaffung des Flußgott-
motivs beftimmend fein mußte, ließ der Corfo nicht die geringfte Vermutung zu, weil
der Arm fcßon über dem Scßulteranfats abgebrochen ift. Fjier gibt nun der Fjolzfcßnitt
vollkommene Auffdßüffe, obwohl der linke Oberarm durch den Kopf des Flußgottes
verdeckt wird wie der rechte Unterarm durch den Löwen von San Marco. Klir feßen,
wie der linke Arm ziemlich ßocß erhoben ift und fid) auf den umgeftürzten Klaffer-
krug ßerabfenkt. Die Fjand rußt am Munde diefes Kruges, aus dem fid) ein Strom
lebendigen Kläffers zwifcßen die Oberfcßenkel des Flußgottes ergießt. Fjier aber glauben
wir in der Cat Stil und Charakter Michelangelos erkennen zu können.
Klie typifcß für den Meifter ift die großräumige Bewegung des erhobenen Armes! Man
denkt an den linken Arm desMofes oder an den linken Arm Gottvaters in der Erfcßaffung
Adams, wo aucß die Fjand ganz ebenfo gebildet ift wie hier. Kaum eine Gefte ift fo
bezeichnend für den Stil Michelangelos wie diefe läffig rußende, fcßwere, etwas müde
Fjand des Flußgottes. In 32icßnung, Malerei und Plaftik Michelangelos begegnet fie
uns immer wieder: in der Linken des Cßriftus der Pieta, in der Rechten des David der
Akademie, in der herrlichen 3eicßnung eines toten Cßriftus im Louvre, bei der delpßi-
feßen und erytßräifcßen Sibylle, beim Propheten Daniel, ja felbft nocß in der Rechten
Marias im jüngften Gericht und in der Rechten des toten Cßriftus im Florentiner Dom.
Antonfrancesco Doni wird von Cirabofcßi als ein mittelmäßiger Vielfcßreiber ziemlich
geringfcßähig abgetan. Um dieKunftgefcßicßte aber ßat er fiel) durch feine Schilderung der
Medicikapelle, wie fie ausfaß, als Michelangelo Florenz verlaffen hatte, ein unbeftreitbares
Verdienft erworben. Aber er ßat nicht nur mitKIorten in den „Marmi“ über die Flußgötter
des Meifters ein bedeutendes 3cugnis abgelegt, er ßat uns hier aucß das einzige Abbild
erßalten, das wir heute befitjen, um den Corfo der Akademie ergänzen zu können.
Ift damit das Problem der Flußgötter Michelangelos erfeßöpft? Klir möchten es
trotj der gründlichen Forfcßungen von Gottfcßewfki und von Cßode bezweifeln. Der
Gedanke, monumentale Flußgötter zu bilden, wie fie die Alten gebildet hatten, feßeint
im Cinquecento zuerft der feßöpferifeßen Pßantafie Michelangelos entfprungen zu fein.
Klie viele Flußgötter find nach ißm auf den Plänen, in den Villen und Gärten von
Florenz und Rom aufgeftellt worden! Klie oft begegnen uns Flußgötter in den monu-
mentalen Freskenzyklen, wie fie Vafari in Rom und in Florenz gefeßaffen ßat! Ijaben
fie alle ißren Urfprung in der Medicikapelle gehabt?
Michelangelo felbft ßat das Problem nocß einmal wieder aufgenommen, als er einige
Jahrzehnte fpäter für Commafo Cavalieri die 3eicßnung für den Sturz des Pßaeton entwarf.

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