Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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teren. Ihr Schöpfer erbrachte den Beweis, daß es aud) in diefen 3eitläuften vornehme
und edel denkende Menfd)en gibt, [Denn wir ihm für diefe großzügige Cat Dank
wiffen, fo dürfen t)ier die Verwandten des Gefchenkgebers, die Familien tüallraf und
Pauli, nicht vergeffen werden, die in bewunderungswürdiger ÜJeife Entfagung einem
Beßbe gegenüber äußerten, der ihnen im Grunde zuftand.
Der Maler tüilhelm Clemens ftammt aus der Kölner Gegend. Er wurde geboren
am 16. Juli 1847 als Sohn des Gutsbefitjers Geinrich Clemens auf der früheren Deutfd)-
ordenskommende Gierath bei Grevenbroich- Er ftudierte Jura, mad)te feinen Referendar
und nahm als Referveoffizier des 7. Ulanen-Regiments am Feldzug 1870—71 teil. 1874
entfd)loß fid) Clemens nach München zu gehen, um fid) gänzlich feinen alten künft-
lerifctjen Neigungen zu widmen. Äls Schüler von Löffis und Diez befucßte er vier
Jahre die Akademie und blieb fortan in München. In den 80 er und 90er Jahren ent-
ftanden von feiner Gand Genrebilder in der Art jener 3eit, wie „Disputierende Mönche“
und „Cililderers Ende“, weld) letzteres 1886 mit der goldenen Medaille ausgezeichnet,
von der Nationalgalerie erworben wurde. Angeregt durd) die reid) mit Kunftobjekten
aller Art ausgeftatteten Münchener Ateliers und die damalige Fülle des Kunftpandels,
begann Clemens zu fammeln, um fiel) allmählich faft ausfd)ließlid) diefer Cätigkeit zu
widmen. üJenn auch der damalige Smtgefchmack im Sinne der deutfdrjen Renaiffance
den Charakter feiner Sammlung wefentlid) beftimmte, fo ift es doch bemerkenswert,
daß fein angeborenes künftlerifches ünterfd)eidungsvermögen aud) den damals weniger
beachteten künftlerifctjen Erzeugniffen anderer Epochen weitgehendes Intereffe entgegen-
brachte. Als die Quellen im Inlande verfiegten, fud)te Clemens auf wiederholten Reifen
nach Italien, Sizilien, Spanien, befonders auch m die niederrheinifche Geimat feine
Sammlung zu vervollftändigen, um fie nach jahrzehntelanger Arbeit allmählich auf das
auserlefene Niveau des heutigen 3uftandes zu fteigern. Sein gutes Auge und die Fähigkeit zu
künftlerifchem Sehen hat einzig die hohe Qualität der Sammlung ermöglicht, ßc ver-
leiht ihr anderen Sammlungen gegenüber eine überlegene perfönliche Anziehungskraft.
Denn diefe Sammlung enthält kein Objekt, es mag noch fo unbedeutend und will-
kürlich fcheinen, das nicht irgendwie in feiner 3ugehörigkeit zur Sammlung künftlerifd)
bedingt wäre. Diefer (Imftand berechtigt vor allem auch zur Fjauptbedingung der
Schenkung, die gefd)loffen für die‘Nachwelt zufammengehalten werden foll, denn
ficherlid) wird diefe Sammlung als Ergänzung zur Cätigkeit des Kanonikus ftttallraf zu
einem wertvollen Kulturdokument rheinifcher Sammlertätigkeit der 3eit um 1900 werden.
Stets war es Clemens eine befondere Genugtuung, manche Objekte wieder nach Deutfch-
land zurückzubringen und die Sammlung als Ganzes für feine engere Geimat gerettet
zu haben. Die lange Reihe der Kölner Sammler wie Gübfd), Boifferee, Pick, Lyvers-
berg, Kleyer, Merlo, Effingh, Nelles, Neven, Oiewalt, Oppenheim u. a. erfährt neben
ülallraf und Sd)nütgen wenigftens eine erfreuliche Ergänzung.
Die Reichhaltigkeit der Sammlung, die in drei Sälen des Kunftgewerbemufeums
untergebracht wurde, ift in jedem Einzelobjekt bedingt durch eine feiten künftlerifche
Auslefe. [Denn man gemeinhin bei Schenkungen eine Anzahl gleichgültiger Objekte
mit in Kauf nehmen muß, fo liegt hier der einzigartige Fall vor, daß die künftlerifche
Schulung des Gefchenkgebers in langwieriger und mühevoller Sammlertätigkeit, die fid)
feit 1874 nahezu über ein halbes Jahrhundert erftreckte, ein auserlefenes Gefamtniveau
herausarbeiten konnte. Keine andere Sammlung ift in der Befchränkung auf das tüert-
volle fo lehrreich für eine Einführung in die künftlerifche Entwicklung der einzelnen
Epochen wie gerade diefe. Denn hier find Kunftwerke aller Gebiete und feiten ver-
einigt, der Kleinkunft und des Kunftgewerbes; aus primitiven Anfängen heraus ift die
Malerei überfichtlid) vertreten, wie die Klerke der Plaftik des deutfd)en Südens und Nordens.
Daß die deutfdje Kunft, vor allem die rheinifche in ihrer überlegenen Einzigartigkeit be-
fonders vertreten ift, erfcheint als befonderer Vorzug, denn leider verfteht der Deutfd)e
immer noch die Kunft der Fremde ebenfo zu f chatten, wie er die Erzeugniffe des eigenen

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