Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Ausheilungen

Alle großen Schulen der 3eit find mehr oder
weniger ausgiebig vertreten.
Von den fünf Großraeiftern der bolognefifchen
Schule, Caracci, Reni, Dominichino, Lanfranco
und Guercino, ift nur eine verhältnismäßig ge-
ringe Anzahl von merken zur Schau geftellt.
Man hat vielmehr zielbewußt die Äbficht durch-
geführt, weniger bekannte Meifter, wie Lodovico
Lana, Maftelletta, P. F. Mola und die beiden
Gandolß, um nur einige Namen zu nennen, aus-
reichend darzuftellen.
Caravaggio ift an einer reichen 3ahl von
eigenhändigen oder ihm [ehr naheftehenden Ar-
beiten zu ftudieren. Es wurde fchon in diefer
3eitfd)rift darauf tungewiefen, daß fogar die
Bilder von S. Luigi dei Francesi in Rom in Florenz
zu fehen find. Einen guten Begriff gewinnt man
weiterhin von der Schule des Meifters: den Sa-
raceni, Serodine, Borgianni, Gentilefd)i und
Manfredi.
Am reichften von den übrigen Schulen Italiens
find Venedig, Genua und Neapel vertreten. Von
den Venezianern find zunächft die Vorgänger
Giepolos: die beiden Ricci, G. B. Pittoni und
Piazzetta, der einen ganzen Saal einnimmt, zu
nennen. Die beiden Ciepolo, Gio. Battifta und
Gio. Domenico werden durch eine gute Auswahl
ihrer hervorragenden merke repräfentiert. Den
erlefenften Genuß der ganzen Ausftellung dürfte
jedoch das Guardi gewidmete Kabinett bieten,
das mit einer Anzahl meift aus febr entlegenen Pri-
vatfammlungen ftammenden Arbeiten ganz neue
Seiten in dem Oeuvre diefes Meifters erfchließt.
Eine Offenbarung gewähren weiterhin die den
Genuefen gewidmeten Säle. Von Strozzi fehen
wir eine Reihe ausgezeichneter merke, die, glän-
zend aufgeftellt, eine vorzügliche Vorftellung von
dem Können diefes großen Meifters geben. Auch
Magnasco hat feinen eigenen Saal. Daneben
bietet fich natürlich auch Gelegenheit, die weniger
bekannten Maler Genuas, wie die beiden De
Ferrari, Caftello, Anfaldo, Affereto ufw. kennen
zu lernen.
Auch Preti und Bernardo Cavallini haben unter
den Neapolitanern ihren eigenen Saal; von Luca
Giordano pnd neben anderen merken zwei riefige
Stilleben zu fehen, von den übrigen Meiftern
find Caracciolo, Ribera, Stanzioni und Vaccaro
zu nennen.
Verhältnismäßig wenig merke find von der
römifchen Schule der zweiten Fjälfte des iß. Jahr-
hunderts ausgeftellt. Doch rnuß auf die hervor-
ragenden Stücke Cortonas und Romanellis hin-
gewiefen werden. Das Settecento ift durch eine
Reiße ausgezeichneter Arbeiten Batonis, neben
denen noch Lucatelli und Londonio zu erwähnen
find, vertreten.
Eine wirkliche Überrafchung dürften die Meifter
Oberitaliens bieten: das Riefenbild Fetis aus der
Accademia Virgiliana in Mantua wird jedem
Befucher unvergeßlich bleiben. Bazzani, eben-

falls aus Mantua gebürtig, erfcheint mit einer
ftattlichen Reihe von Bildern als ganz origineller
und eigenartiger Meifter, auch die graufigen
Gotentanzbilder des P. V. Borromini (Bergamo)
follen nicht unerwähnt bleiben. Mailand ift mit
einer reichen Sammlung von merken der ver-
fchiedenen Crespi und Procaccini aufs befte ver-
treten. Auch Piemont und die Ciroler Maler wie
Unterberger und Paul Groger fehlen nicht.
Eine weitere große Überrafchung bietet die
reiche 3ahl von Stilleben, die zu fehen find. Es
mögen die Namen P. A. Barbieri, Giuf. Recco.
Bafchenis und Bofelli genannt werden.
So erfchließt uns die Ausftellung eine ganze
Reihe künftlerifcher Erfcheinungen, die bisher
überhaupt unbekannt waren. Sie ift glänzend
organifiert und angeordnet. tUeitaus die meiften
Bilder find gut gehängt und beleuchtet und da-
her leicht und bequem zu ftudieren. Man darf
diefer Ausftellung, die ihresgleichen noch nie
gehabt hat, fchon jet^t in den erften Gagen nach
der Eröffnung einen ungeheuren Erfolg prophe-
zeien, zweifellos wird fie Caufende von Ge-
lehrten nach Florenz ziehen. Es ift unendlich
zu bedauern, daß gerade die deutfdje Kunft-
wiffenfchaft von diefer einzigartigen Gelegen-
heit, die Kunft des Sei- und Settecento kennen
zu lernen, wohl nur befdbränkten Gebrauch ma-
chen wird. L. S.
Berliner Äusftellungen
Diesmal hatten die üblichen 3wiftigkeiten
zwifchen jung und alt in der Akademie der
Künfte das 3uftandekommen ihrer Frühjahrs-
ausftellung in Frage geftellt. Dank der aus-
gleichenden Perfönlichkeit ihres Präfidenten Max
Liebermann konnte fie jeljt doch noch eröffnet
werden. Leider jedoch vibriert der Streit allzu
vernehmlich in diefer Ausftellung nach, deren
Gemälde fid) abfolut nicht zufammen vertragen
wollen. Man könnte meinen, die FJängekom-
miffion habe fich hier einen fchikanöfen Scherz
erlaubt, fo daß auch die vortrefflichen merke, an
denen es durchaus nicht fehlt, in ein chaotifches
Kunterbunt verfinken und von geringwertigen
Nachbarn erfchlagen werden. Der bloße 3ufaII
hätte kaum fo vernichtende Arbeit zu leiften
vermocht. Nur Unfähigkeit oder üble Abficht
fchien imftande zu fein, die Einzelheiten zu
einem fo kläglichen Gefamtbilde zu ordnen.
tUas übrig bleibt, ift ein wüftes Durcheinander
heterogenfter Stilarten, ttlenn troljdem die junge
Kunft bei weitem in den Vordergrund tritt, fo
ift dies ein defto befferes 3eichen für ihre quali-
tative Überlegenheit. 3uraal ihre hervorragend-
en Führer überhaupt nicht, oder nicht gerade in
ihren ftärkften Leitungen zu fehen find. Das
letzte gilt befonders von Pechftein, Schmidt-
Rottluff und maske. Am meiften kommt
Kokofchka mit einigen Bildniffen zur Geltung.
Sodann Fjeckendorf als Landfehafter fowie
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