Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Madonna und Schmerzensmann in
der Doroti)eenkird)e zu Breslau

Mit vier Abbildungen auf drei Tafeln Von ERICH WIESE


Die Breslauer mittelalterlichen Steinbildwerke bis etwa 1450 find weniger zahl-
reich, nicht [o gefd)loffen in der Entwicklung und darum zur Gefamtbearbeitung
weniger lohnend als die ßolzplaftik. Die intereffantefte Gruppe von ihnen, die
Kalkfteinwerke, wurde in meiner Arbeit über [chle[i[che Plaftik (fpeziell Breslauer1) ein-
gehend berückfichtigt, da fie ftiliftifd) von einer Anzahl Bolzbildwerke fd)led)tweg un-
trennbar ift.
Der genannten Gruppe ftehen in gewiffer Beziehung zwei ülerke nahe, die am an-
gegebenen Orte nur kurz erwähnt werden konnten, ihrer Bedeutung nach aber eine
eingehende Behandlung verdienen. Es find die Sandfteinbilder der Madonna und des
Schmerzensmannes in St. Dorothea2.
Literatur: Alwin Sdjultj, Malerinnung: nicht erwähnt. — B- Luchs, Führer durch Breslau,
4.Äufl., 1867: nicht erwähnt. — 5- Lutfch, Kunftdenkmäler der Stadt Breslau, 1886, S. 247:
„Sand[tein XVI. (?); neuerdings grell bemalt.“
Die Madonna ift ca. 1,45 m, der Schmerzensmann ca. 1,68 m hocb* * Die Sockeltiere
zeigen erhebliche Befähigungen. Die Krone der Madonna ift barocke 3utat. Das
Kind ift aus Bolz und modern. Es war urfprünglid) unzweifelhaft wefentlid) größer.
Spuren einer breiteren Brud)fläche find unter der Cünd)e erkennbar. Die linke Band
Mariä ift nicht aus Sandftein, wahrfcheinlich aus Stuck und ungefchickt ergänzt. Das
Gewächs, das jle in der Rechten hält, ift arg verftümmelt. Die Figuren find wiederhol!
ftark übertüncht worden, zuletzt mit Ölfarbe. (Hann fie an die Pfeilerplätje kamen und
ob fie, was wohl denkbar wäre, dafür beftimmt waren, entzieht fid) unferer Kenntnis.
Denn Urkunden ließen fid) über die Ulerke nicht auffinden3. Jetjt ftehen fie in fd)Önen
barocken Flachnifchen an den vierten Pfeilern des Mittelfd)iffes.
Es muß alfo verfucht werden, fie auf Grund ihrer Erfcheinungsformen ftiliftifd) und
zeitlich näher zu umgrenzen. 3unäd)ft läßt fid) feftftellen, daß fie typifclje Vertreter
des fogenannien weichen Stils find. Die Vorliebe der erften Jahrzehnte des 15. Jahr-
hunderts für dicke, fammetige Stoffe läßt keine Knitterfalten zu. Rundung herrfcht in
jeder dafür geeigneten Form nad) allen drei Ausdehnungen. Die Schwingungen des
Körpers in der Vorder- und Seitenanfid)t beweifen das ebenfo klar, wie etwa die
Flechtkrone Chrifti oder die Gefid)tsformen der Madonna. Diefe Dinge im allgemeinen
gehören dem 3eitftil. Obgleich fie faft überreich da find, vermögen fie nicht einen
Augenblick die perfönlid)e Note im (Hefen unferer Figuren zu verdunkeln. Hlorin
offenbart fleh diefe? Abftrakt gefagt: in einer leicht überfeinerten hößfd)en Repräfen-
tation, der fid) bei Maria eine gewiffe füße Milde, beim Schmerzensmann ein verhalten
asketifd)er 3ug gefeilt. Nichts Cemperamentvolles, keine Schreie: 3urückl)altung und
Beherrfd)ung thronen in maßvoller 3uftändigkeit.
Aus welchen formalen Quellen entfpringt diefer Eindruck? ln erfter Linie aus der
Baltung der Figuren. 01 eit davon entfernt, natürlich zu fein, betont fie vielmehr das

1 Erfcbeint in Buchform demnäcbft im Verlag von Klinkbardt & Biermann, Leipzig.
* Ich fab pe zum erftenmal 1919 auf einem Streifzug mit üüilbelm Pinder, der ibre Bedeutung
natürlich fofort erkannte.
6 Nad) frdl. Mitteilung von P. Cpryfogonus Reifd), der das Hktenmaterial zu feiner Gefcbid)te
von St. Dorothea (Breslau 1908) eingebend ftudierte. Auch ein Rechnungsbuch des Franziskaner-
Konvents aus den Jabren 1651—58 fowie das Inventar von 1663 und 1664 (Diözefan-Ard)iv V38bs
und V38b2), die id) einer Durchficht unterzog, boten keinerlei Anhalt.

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