Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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franzößfcßen Tradition ift alles, was diefer Meifter gefcßaffen, und zwar nicßt der
Nymphen und Dryaden wegen, die auf den Gemälden des Meifters von Fontainebleau
im [übrig-dämmerigen Ton der Landfcßaft auftaucßen, [ondern weil diefe Landfcßaften
[elb[t trotj ißrer Naturnähe immer jene bewußt konftruktive Form des Äufbaus ßaben,
die — fo paradox dies im erften Äugenblick klingen mag — fcßon viel von dem vor-
ausneßmen, was einige Jahrzehnte [päter Cezanne in kriftallinifcß reinerer Konftruk-
tivität und in einer durchaus neuen malerifcßen Sprache fcßaffen [ollte. Äuf diefes
fpezißfcße Merkmal der Corotfcßen Kunft zielt Bandelaires bewunderndes ürteil, wenn
er fcßreibt: „Corot ift einer der [eltenen Maler, ja vielleicht der einzige, der immer ein
tiefes Gefühl für die Konftruktion bewahrt hat und den proportioneilen Klert jedes
Details im Rahmen des Ganzen beachtet, der— wenn es geftattet ift, den Äufbau einer
Landfcßaft mit dem Bau des menfchlichen Körpers zu vergleichen — immer weiß, wo das
Knocßengerüft fteßt und welche Maße es hak — Klenn ein Einzelner, der in der zeit-
genöffifchen franzöfifchen Schule bevorzugten langweiligen Liebe zum Detail ein Paroli
hat bieten können, [o war es Corot. GCIir haben gegen diefen großen Künftler den
Vorwurf gehört, [eine Farbe [ei ein wenig fanft und [ein Ließt zu dämmerig. Darauf
darf man erwidern, daß für ißn all das Ließt, das die Kielt erfüllt, auf einem oder
mehreren Tönen bafiert. Sein feiner und ßeßerer Blick umfpannt vielmehr alles, was
die Harmonie beftätigt als das, was die Kontrafte unterftreießt.“ Ift in der Tat aueß
die Skala der Corotfcßen Töne befeßränkt, [o liegt in der delikaten Farbengebung
[einer Palette fießer nießt das fcßlecßtefte Stück franzöfifeßer Tradition des 18. Jahr-
hunderts verfcßloffen. Dies kommt einem deutlicher noch als vor den Landfcßaften, vor
den Porträts des Meifters zum Bewußtfein, die — man möchte [agen — zwifeßen den
grands pastellists des 18. Jahrhunderts und den Klerken eines Degas und Renoir genau
die Mitte halten. Äucß fie belegen für [icß die Tßefe, warum gerade Corots Klerk
meßr als das irgendeines anderen [einer 3eitgenoffen beinahe [ymbolifcß die Gefcßicßte
der franzößfeßen Malerei, die weit über [ein Todesdatum hinausgreift, widerfpiegelt.
In Deutfcßland find gute Bilder unferes Meifters in öffentlichen und privaten Samm-
lungen verhältnismäßig [eiten. Das ßat [einen Grund weniger in der Verkennung [einer
künftlerifcßen Bedeutung als vielmehr in der im allgemeinen meßr der Gegenwart zu-
gewandten Sammelfreudigkeit unferer Kunftfreunde, die fuß faft ausnahmslos auf die
impreffioniftifeße Malerei Frankreichs [eit Manet feftgelegt haben, üm [o erfreulicher
die Tatfacße, die es geftattet, einmal ein noeß weniger bekanntes, außerordentlich
qualitätvolles und für den Meifter von Fontainebleau ungemein typifeßes Klerk zu ver-
öffentlichen, das [icß im Befitj von Fjeinr. Tßannßaufer in München befindet. Diefe
hier reproduzierte Klaldlandfcßaft belegt für ßcß alles, was diefe 3eüen über Corot ge-
[agt ßaben. Koloriftifcß weift [ie jene delikate, auf wenige Töne reduzierte Palette,
die im [ilbrig-dämmerigen Klang des verfinkenden Tages das mit der Seele erfeßaute
Stück einer Natur feftßält, die durchaus klaffifcße ßaltung und den inneren Rhythmus
bewußten Äufbaus ßat. Klollte jemand den Verfucß wagen, Pouffin mit Cezanne im
Sinne jener folgerichtigen Kaderentwicklung, wie [ie im 19. Jaßrßundert eigentlich nur
der franzößfeßen Kunft eigen ift, zu verbinden, mit diefem Corot wäre in der Tat ein
Bindeglied gegeben, das vom Vergangenen fowoßl als aueß vom 3ukünftigen ein be-
deutendes Teil in [icß verfcßloffen ßält.

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