Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Ein feltenes Empfindungsvermögen, das fidr> in ernften, von Größe erfüllten Formen
ausdrückt, ein malerifcßes Calent, das die reiche Materie liebt, aber alles feinem
Gefühl unterordnet. So zeigt pd) Kayfer in feinem Klerk etwas unausgeglichen, ruft
aber durch feine Stellung, die er in der modernen Kunft einnimmt, die Erinnerung an
Älphonse Legros wach, den „Fürften der Graphiker“, wie man ihn nannte, Ulie Legros
im Spielraum der impreffioniftifchen Bewegung mit Manet fympathiperte, hat
heute Kayfer viel Verwandtes mit Derairi, Dufresne und Segonzac. Unabhängig
davon führt er fein ttlerk als Maler und Graphiker in voller Erkenntnis feiner
Aufgabe fort.
3ugänglid)er ift das Calent des polnifd)en Malers Pankiewicz, der bei Bernheim
Jeune eine Reihe Arbeiten ausftellte, in der Manier, die er in den lebten Jahren ange-
nommen hak Pankiewicz ift nicht mehr jung, aber in feinem Beftreben es zu fd)einen,
hat er nacheinander alle Gefeße und Äfthetiken der vergangenen 35 Jahre ange-
nommen. Er war Schüler ÜUhiftlers und Carrieres, wurde fpäter Imprefßonift, verband
pd) freundfchaftlid) mit Bonnard und zeigt jetjt die gleiche Bewunderung für Renoir
und Bonnard wie Fleiß in feinen Landfcßaften und Stilleben, die den Einßuß Derains
deutlich zur Sd)au tragen. Er ift ein Menfd) mit ftarkausgeprägtem Sd)önheitsfinn,
der in einer retrofpektiven Ausftellung feines Schaffens die Gefd)id)te aller Tendenzen
der franzößfehen Malerei während eines halben Jahrhunderts pdjtbar machen würde.
Id) erwähne noch die lebte Vente der Kahnweiler-Sammlung, die einen vollen
Erfolg den 3ei<haungen Picaffos in der blauen Manier brachte, von denen eine durch
die Galerie Barbazanges bis auf 2400 fres. getrieben wurde. ßeiß umftritten, befonders
von allen kleinen Liebhabern waren die Landfcßaften Vlamincks. Den Fjöhepunkt er-
reichte wiederum Derain, deffen „Dudelfackpfeiffer“ (abgebildet Cicerone 1920, FJeft 8)
von dem New-Yorker Antiquar Jofeph Brummer für 15500 fres. erworben wurde, was
mit den Unkoften ungefähr 20000 fres. ausmacht!1
Der Erfolg Derains ift unleugbar. Er ift allerdings von einigen Freunden kubifti-
fcher Maler als übertrieben angefprod)en. Aber diefe Kritiker, die Pamphlete
gegen Derain verfertigen, ohne daß ße feinen Namen zu nennen wagen, find wenig
kompetent, diefes Ulerk zu beurteilen. Id) behaupte nid)t, daß Derain über jede Kritik
erhaben ift, auf keinen Fall aber wird man durch Gegenüberftellung mit Picaffo,
Braque oder Gris den Charme feiner Schöpfungen vernichten können. Daß er in
dummer tüeife von einer großen Menge der jungen Maler imitiert wird oder daß
er mit feinen Bildern, die einen Maler von höd)fter Kultur offenbaren, der in das
Myfterium der Kunft eingeweiht, mit der Palette aller großen Meifter vertraut ift
und diefe manchmal bis zur Parodie interpretiert, die höchften Preife erzielt, fo ift das
ein 3ei<hen der 3^it. Die große Begabung Derains wird keineswegs der ßinderungs-
grund der Manifeftation eines Malers fein, der ein anderes Ideal beß^t als Cezanne,
Renoir oder Matiffe, Derain zu akademifieren oder auch kubiftifd) zu praktizieren.
Man muß an die Exiftenz einiger weniger Künftler glauben, die diefe von Leonardo
da Vinci ausgefprochene tüahrheit kennen, die nichts von ihrer Aktualität verloren
hat: Seit der Römerzeit ahmen die Künftler einer den anderen nach und führen fo die
Dekadenz in der Kunft herbei. Giotto erfchien. Nach *hm T<4)ritt die Kunft von neuem
bergab, denn alle imitierten die gemalten Bilder bis auf üomafo, den Florentiner, ge-
nannt Maffacio, der durch fein vollkommenes iüerk zeigte wie vergeblich die An-
ftrengungen derer find, die nicht die Natur ftudieren, diefe Meifterin aller Meifter.
1 Die erzielten Preife diefer Vente werden ausführlich im näd)[ten fjeft des Cicerone, in der
Beilage Verfteigerungsergebniffe, veröffentlicht.

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