Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Der dänifd)e Porträtmaler C.Ä.Jenfen
Mit drei Abbildungen auf zwei Tafeln Von CHARLOTTE WEIGERT-Kopenhagen

Jedes Land i^at [eine im Laufe der Seiten vergebenen Künftler und wie in Deutfeh-
land etwa C. D. Friedrich) und Runge, fo ift jet$t in Dänemark C. Ä. Jenfen zur
Überrafd)ung vieler der Kunftgefdjichjte wieder zurückgewonnen worden. Eine
Äusftellung im Kopenhagener „Kunftverein“ brachte alle Bilder des Künftlers aus Privat-
bepifs zufammen und zeigte die Entwicklung eines wahrhaft genialen Porträtiften des
19. Jahrhunderts, der etwa in Frankreich geboren, fid)er zu den führenden Perfön-
lichkeiter feiner Seit gezählt tyaben würde. Jenfen wurde an einer fprad)lid)en und
kulturellen Grenzfdjeide, in dem vielumftrittenen Schleswig-IJolftein, in Bredfted, im
Jahre 1792 geboren. Seine ganze Lebensgefährte t)at durch Mangel an picperen Cat-
fachendokumenten etwas geheimnisvolles und entbehrt, durch einen zwiefpältigen
Sufammenhang mit mehreren Ländern, nicht der Cragik, Das eine ift jedenfalls ficher,
daß der Künftler viel in Europa gereift ift und pich lange in England und Rußland
aufgehalten hat. wovon feine Porträts ein beredtes S^ugnis ablegen. Auch lebt feine
Familie nod) jetp in England. Crojs längerer Änwefenheit in verfchiedenen Städten
Deutfchlands und feines ihm in kritifdjen 3eiten vorgeworfenen deutfdjen Akzentes
empfand er Dänemark als feine Fjeimat und fein größter dunfch war es, Lehrer an
der Kunftakademie in Kopenhagen zu werden. In Dänemark hat er wohl den Citel
Profeffor aber nicht den Lehrauftrag erhalten, ja, fo weit wir orientiert ßmd, hat ßid)
feine Stellung als Maler unter feinen Kollegen von Jahr zu Jahr verfd)lechtert, bis er,
wie man annimmt, durch die harten, verftändnislofen, ja gehäfpigen Kritiken feiner
ausgeftellten Porträts allmählich gezwungen wurde, die Malerei ganz aufzugeben und
mit der damals ganz befcheidenen Stellung eines Bilderreftaurators oder Konfervators fein
Leben bis zu feinem Code in Kopenhagen 1870 zu friften. Erklärung diefer traurigen üm~
ftände gibt vielleicht die Catfache, daß die politifchen Reibungen, die in dem Jahrzehnt
nach 1840 beginnen, wo das dänifche Nationalgefühl durch den preußifd)-dänifchen
Konflikt gefteigert und reizbar wurde, auch auf die öffentliche Kunftpolitik abfärbten,
als ein ganzer Kreis Kunftbegeifterfer ßid) um den Kunfthiftoriker Fjöyen fammelte,
der durch feinen Vortrag „Über die Bedingungen für eine fkandinavifche National-
kunft“ eine parke künftlerifche Bewegung fd}uf. Das Europäertum des vielgereiften
Jenfen erregte Ärgernis und wohl ebenfo, wie man meint, fein üJiderftand gegen
nationaliftifche Enge im dänifch-preußifchen Konflikt. Dazu kam, daß das blendende
Calent Jenfens und feine vielen Aufträge Neid erweckten und im begrenzten, doch aud)
guten Sinne, einem Ceil der foliden und tüchtigen Nachfolger Eckersbergs, fein genialer
aber oft oberflächlich und nactjläfßig künftlerifdjer Fjabitus als mit der Cradition unver-
einbar und angreifbar erfd)ien. Gerade davon gab die Äusftellung auch ein deutliches
Bild. Es ift erftaunlich wie ungleichwertig die Bilder find, wie neben einem geiftreid)en
ein banal aufgefaßtes Porträt entftand, neben einer fabelhaften, genial malerifchen Aus-
führung ein unverantwortliches, oberflächliches Fjinftreichen bemerkbar ift. ünd doch
ift die Reihe von Perlen der Porträtkunft des 19. Jahrhunderts, die C. A. Jenfen fd)uf.
groß genug, um feinen Namen nicht nur in die Annalen der dänifchen Kunftgefd)id)te als
gleichberechtigt mit den Beften aufzunehmen, fondern international hervorzuheben.
Ein Ceil feiner Bilder befindet pich zudem in den öffentlichen Sammlungen Kopen-
hagens.
Es ift nun gelungen, von drei der beften Bilder C. A. Jenfens, die zugleid) feine
malerifche Entwicklung zeigen, Abbildungen zu bringen. In feine frühfte Periode ge-
hört das wirklich entzückende Bild der Brigitte Fjohlenberg, die wie die meiften
der von Jenfen Porträtierten, den beften bürgerlichen Kreifen Dänemarks ange-

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