Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Eine Änbetung des Meifters Francke
Mit einer Tafel Von GEORG BIERMANN

Auf Grund der f)ier veröffentlichten Cafel wurde man zunächft nicht unbedingt ge-
ZA neigt fein, die kleine Anbetung aus dem Befi^ von Julius Böhler-München
* ^ dem berühmten norddeutfdjen Meifter zuzufchreiben, dem Lichtwark einmal vor
Jahren eine feiner beften Arbeiten gewidmet \)at und deffen Altarwerke feitdem einer
der Glanzpunkte der Fjamburger Kunfthalle find, denen fleh von deutfeher Malerei in
der 3eit der Gotik nicht allzuviel an Größe koloriftifchen und formalen Aufbaus an
die Seite zu [teilen vermag, Ulie der ältere Meifter Bertram (1367—1415) an der
gleichen Stelle etwa noch Ausdruck durchaus mittelalterlich h^ratifchen Geiftes ift, un-
erhört eindrucksvoll allerdings in der [teilen 6Qud)t feiner Gebärden und von höchfter
Suggeftivkraft in dem lapidaren 3ufammenklang von Linie und Farbe, fo fchemt der
altkölnifcher Schule entftammende nachfolgende Meifter Francke, ein Kind der nächften
Generation, bei aller gotifchen Gebundenheit Inbegriff einer bereits mehr auf die Rea-
lität der Dinge eingeftellten, innerlich reicher bewegten zu fein. Mit einem leuch-
tenden Kolorismus, in dem vor allem Gold und faftiges Blutrot die beftimmenden
Akzente find, führt er auf den Hamburger Cafeln die Imagination des Betrachters über
die realen Vorgänge hinaus in das Gebiet myftifch-transzendentalen Seins und fo wenig
man vor diefen Bildern die Kühnheit feiner ganz auf Abbreviatur eingeftellten fcharf
gezackten Linienführung vergeffen kann, in der Erinnerung haftet am ftärkften der
unvergleichliche Eindruck der immer nur durch wenige Akzente beftimmten malerifdjen
Fülle diefer Cafeln, die ähnlich in der Gefchichte deutfeher Malerei im 3ßitalter der
Gotik kaum ihresgleichen befifeen. t£Ias Meifter Francke als Kolorift zu vergeben hatte,
lehrt vor allem der große Fjamburger „Schmerzensmann“, zu dem das Leipziger Mu-
feum bekanntlich eine zweite kleinere Faffung befiJst, die eines der herrlichften Doku-
mente altdeutfcher Malerei überhaupt ift. Diefes für mich ergreifendfte Bild chriftlicher
Leidensgefchid)te ift eine Symphonie aus wenigen mild getönten Farben (auch hier die
FJauptdominante das Rot des Mantels), die [uh unter dem fid} von oben über das
Bild ergießenden bläulichen Schimmer zu einem aus blau, weiß, rot und grün ge-
machten Konzert vereinen, das das Leid der im Code halb gebrochenen Augen des
Erlöfers mit einem Mollakkord von Cotenklage begleitet. Solch ein (Xlerk bleibt jedem,
der es einmal erlebte, auf Jahre hinaus im Geifte lebendig, und diefer durchaus perfön-
liehe koloriftifche Anfchlag ift es vor allem, der uns berechtigt, auch die kleine hier
abgebildete Cafel dem gleichen Meifter zuzuweifen. (Die der „Schmerzensmann“ in
ßamburg und Leipzig wahrfcheinlid) doch der Frühzeit des Meifters entftammen dürfte
(denn in ihm ift die altkölnifche Überlieferung eines Meifter Cüilhßlm lebendiger als
beifpielsweife auf dem Hamburger Cl)omasaltar), fo ift auch bei der hier reproduzierten
Änbetung vor allem die rheinifche Cradition unverkennbar, fo zwar, daß man — ohne
die für Meifter Francke fo ungemein charakteriftifche malerifche Fjandfchrift — das
Bild ebenfogut als „altkölnifd)“ anfprechen könnte. Aber es ift ein typifcher Meifter
Francke und mit einer zweiten gleichgroßen Cafel, die zwei Kirchenväter in gotifcher
architektonifcher Umrahmung zeigt (ebenfalls bei Julius Böhler), wahrfcheinlid) Fragment
eines größeren Ältarwerkes von durchaus befcheidenen Dimenfionen, das einmal eine
Folge diefer Szenen vereinigte. Alles in allem alfo ein Dokument deutfeher Kunft-
gefdjichte, das das tüerk eines der größten Meifter mittelalterlicher Malerei um eine
bedeutfame Catfache bereichert.

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