Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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konnte; die kla[jiziftifd)e Kuiif[enlaridfd)aft repräfentierte Bernhard Fries, die aus dem
Klafjizismus zur lebendigen Naturanfdjauung führende Linie eine ausgezeichnete ita-
lienifd)e Studie von Rottmann. Drei Gemälde von Blechen bewiefen die Kühnheit des
deutfchen Frühnaturaüsmus, der aus der Romantik entfprang. Kleinere Merke [ebener
und weniger bekannter Maler wie Fearnleg, Dietper, Gout, Iffel, Ko'ebel, Mitting ließen
die Breite der künftlerifchen Kultur in der erften Fjälfte des Jahrhunderts erkennen.
Für die zweite Jahrhunderthälfte bet)errfd)ten die Landfehafter von Schirmer bis Baifd)
und Schönleber das Bild; daneben [tand Canon und feine Schule. Äls Individualität
war Canon am ftärkften heraus9ßarbeitet. Er fpielt in der Gefehlte der Karlsruher
Malerei eine entfdjeidende Rolle; ein ganzer Saal war ihm eingeräumt. Da gerade
feine Karlsruher Seit feine künftlerifch glüddidhfte Periode darftellt, zeigte [ich feine
Kunft von der beften, kühnften und zugleich kultivierteften Seite. Seine Stärke liegt in
der warmen Uonigkeit der auf dunkles Rotbraun geftimmten Farben, in der Creffficher-
heit in Bezug auf die Charakterifierung von Bildniffen und in der Geftaltung aufge-
wühlter Sturmlandfchaften. Äuf Rubens und die Venezianer geftütjt, hat er eine An-
zahl von Ulerken gefchaffen, die ohne weiteres an die Seite der gleichzeitigen fran-
zöfifchen Malerei geftellt werden können. Ero^dem fehlt die letjte künftlerifdje Nach-
haltigkeit, die malerifche Virtuofität verwandelt pd) im Laufe feiner Entwicklung in
[eichte und füßlidtje Oberflächlichkeit, die ßd) mit äußerer „Schönheit“ (im Sinn von
Glätte) begnügt, und die zum kataftrophalen Ende feiner fpäten Kliener Bombafterien
führen mußte. Äls Vorbild hat er in Karlsruhe [ehr ftark gewirkt. Der erft kürzlich
verftorbene, einft viel gefeierte Ferdinand Keller geht von ihm aus und hat in feinen
in die Äusftellung eingefügten Jugendwerken die damalige Fjöhe Canons ohne weiteres
erreicht. Äud) Crübner ift entfepeidend von Canon beeinflußt worden. Äls über-
rafchend nahe bei Canon ftehend erwies pd) auch der fpätere Makart[d)üler C. Brünner.
Von Feuerbad), der in Karlsruhe mit Canon in Berührung kam und ftark von ihm er-
regt wurde, befaß die Äusftellung ein wundervolles Porträt und eine 3^9eunerin, ein
bisher von der Feuerbachliteratur noch nicht beachtetes Merk. Erübner war durch die
neue Sammlung Crübnerfdjer Merke veranfchaulid)t, die mit Fjilfe von Leihgaben und
Neuerwerbungen (u. a. der „Einjährige“) feit einiger 3eit in die Beftände der Kunft-
halle eingefügt ift.
Neben diefer Linie der badifdßen Malerei ftand Schirmer und die von ihm aus-
gehende Entwicklung. Schirmer felbft mit einigen ganz hervorragenden Landfdjaften,
die unmittelbaren Sd)irmerfchüler Lugo, Brad)t, Fahrbach, Ofterroth, der liebenswür-
dige Eürckheim, Röth, Kotfd) und Saal; dann Schirmers Freund Leffing. Von Gude
waren erfreuliche Frühwerke zu fehen, von Kanoldt kleine Arbeiten aus feiner guten
Frühzeit. Von Milhelm Klofe, der urfprünglich Rottmannfd)üler gewefen war, fah
man erftaunlid) difziplinierte Landfchaften, in denen die Rottmann-Eradition durch Ein-
flüffe Leffings belebt und weiterentwickelt erfchien. Die Leffingfche Eradition ihrerfeits
führten Arbeiten von Ä. fjörter weiter, wenn auch Stilelernente der Generation Sd)ön-
lebers wenigftens obenhin in ihnen verarbeitet erfcheinen. Schönleber felbft war mit
einer guten Auswahl von Merken kleinen Formates vertreten; die Münchner, von
denen Schönleber ausging, Lier, Schleich und der feltener beobachtete Noerr ebenfalls
mit einer Reihe von kleineren Studien. Neben Schönleber ftanden Baifd) und Meiß-
haupt, die beide in der Gefehlte der badifchen Malerei wichtige Funktion erfüllen.
Außerhalb der badifd)en Entwicklung ftanden zwei fchweizerifd)e Merke: ein faftiges
Eierftück von R. Koller und „Die Jagd der Diana“ von Böcklin. Diefes bisher wenig
beachtete Bild fcheint für die Erkenntnis der Entwicklung Böcklins von befonderer Be-
deutung zu fein. Äls frühere Faffung des gleichen Ehemas, das auf großem Format
in der Bafeler öffentlichen Kunftfammlung (datiert 1862) fid) befindet, weift es
deutlich in die Richtung der künftlerifchen Fjerkunft Böcklins. Sd)irmerfd)e Stilelemente
wirken noch nach, Rubens und die Venezianer mögen unmittelbare Anregung gewefen

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