Heidelberger Volksblatt — 5.1872

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ſen Sie, wohin Sie zu greifen haben: Jn die Haare!
Wer das Uebel verſchuldet bat, der ſoll es auch curiren.
Similia similibus. Die Franzoſen müſſen Haar laſſen,
ſie müſſen zahlen. Mein Vorſchlag iſt der: Für jedes
Haar, ſei es natürlich oder künſtlich an dem Kopfe befe-
ſtigt, zahlt der Jnhaber einen Centime. Einen Centime
- hören Sie, nicht mehr. Eine wahre Bagatelle! Und
doch wird Jhr Pouyer-Quertier jubeln. Jch will Jh-
nen den Budgetſatz bilden. Nach meinen Erfahrungen,
die ich im Kriege gemacht - ich bin Jhren Landsleuten
viel in den Haaren gelegen, zählt jeder Franzoſe, ohne Un-
terſchied des Geſchlechts dnrchſchnittlich 30,000 Haare, wo-
bei Backenbart, Schnurres und Chignons mitgerechnet ſind.
Nun hat Frankreich 36 Millionen Einwohner. Multi-
pliciren Sie einfach und Sie haben einen Budgetſatz von
zehn Milliarden und achthundert Millionen Franken weni-
ger dreihundert Franken für das Staatsoberhaupt, das ich
prinzipiell von der Steuer befreit wiſſen will, da man nicht
weiß, wie es ſich ſelbſt jeden Augenblick die Haare aus-
rauft, oder wie ſie ihm von dem Pöbel ausgerauft wer-
den. Sollten Sie ein Haar in meinem Vorſchlag finden,
ſo beſteuern Sie es nur gleich und belaſten Sie mich mit
einem Centimen! Hat Einer Haare auf den Zähnen, ſo
beſteuern Sie ihn doppelt. Rochefort kann zahlen. Gam-
betta auch, Sonſt haben Sie ja wohl Niemand, der von
dieſer Härte betroffen werden könnte?
Mein Vorſchlag hat auch noch eine politiſche Bedeu-
tung. Nur dann, wenn alle Franzoſen und Franzöſinnen
über einen Kamm geſchoren werden, haben Sie die wahre
Egalité. Und diejenigen, die ſich etwa beim Enregiſtre-
ment die Haare ausraufen, die gewinnen einen neuen Bo-
den für ihre politiſchen Anſchauungen, da ſie durch das
Strohdach, welches bisher den Schädel bedeckte, unmöglich
einen klaren Blick werfen konnten. Sie gewinnen auf die-
ſem Wege eine Menge Plato's und Periceles. Und
der ewige Tadel Jhrer Nation hört auf, wenn das Eau
de Lob zu einem geſuchten Artikel wird, denn Sie dann
wiederum beſteuern können. Warum wollen Sie nur das
Haar der Lämmer beſteuern? Steht der Menſch niederer
als dieſes Thier? Sind vor Jhrem Geſetze nicht Alle
gleich - Menſchen- wie Schafsköpfe? Und hat das
Schaaf nicht oft ſchon ſeinen Vließ an die Damen abge-
geben, um die Chignons zu einem menſchenwürdigen An-
ſehen zu erheben? Alſo ſchon des Schmuggels wegen -
Gleichheit in Behandlung der Steuerobjecte. Noch Eins,
Herr Präſident. Jhre Etgenſchaft als Univerſal-Heil-
künſtler iſt berühmt. Wiſſen Sie, welch' immenſen Erfolg
die allgemeine Schur - neu geſchoren laſſen ſich die Haare
genau kontroliren - noch in anderer Beziehung haben
wird? Jm Rauſche haben die Franzoſen den Krieg un-
ternommen! Nach einem bekannten Naturgeſetze folgt je-
dem Rauſche ein Katzenjammer. Jch glaube, Sie heißen
das: mal cheveux. Schneiden Sie die chevu
ab, ſo verliert das Uebel ſeinen Sitz. Nun überlegen Sie
meinen Vorſchlag. Laſſen Ste die Rohſtoffidee ſahren,
greifen Sie zur Scheere. Sie guter, treuer Finanzhirt.
Bedenken Sie Boni pastoris est pecus tondere et
non deglubere.

D'r Nagglmarer.
Die groß freiwil-
lig Selbſchtbeſchtei-
erung, die jetzt in
Frankreich Moode
worre is, loßt noch
ſehr viel zu winſche
iwerig, um die gran-
de Nation vun der
Occupation d'r ſo-
genannte deitſche
Barbare zu befreie.
Finf Milliarde ſinn
halt ke Käſebrod. Un
große franzeeſche
Meiler, die mit de
Milltarde norr ſo
um ſich ſchmeiße, als
kennte ſe alle Aage-
blick uff'm Diſch
ligge, um uns mit
zu bezahle, werre
awer an Zahlungs-
ſchtatt nit angenum-
me. De Herrn Fran-
zoſe bleibt alſo nix
iwerig, als uff e
jed Schtreichholz
Schteier zu leege un
zwar e Mußſchteier, dann die feesillig angt nit for den
dumme Schtreech, den 's Luiche JJJ. gemacht. Daß awer
die franzeeſch Nationalverſammlung in letſchter Zeit alle
Dag Händl g'hatt, welles Schteierobject 's beſchte wär,
ohne de Franzoſe zu weh zu dhun, is bekannt! D'r alte
Thiers hätt jo beinah dawege abgedankt. Um jetzt denne
Franzoſe e biſſl aus d'r Noth zu helfe, ſoll kerzlich fol-
gendes:
"Schreiben eines Schwarzwälders an Herrn Thiers in
Paris" abgange ſein.
"Alſo auch das noch! Jhr findet keine Steuerobjekte
mehr. Wo ſind eure Finanzgrößen? Kein einz'ger tüch-
tiger Steuermann mehr in dem großen Lande der Civili-
ſation? Auch hier muß Jhr Univerſal-Genie Rettung
ſchaffen. Ein Kaiſerreich für eine Jdee! Eine Jdee?
n voilà une! Eine Rohſtoff-Jdee! Das iſt's. Aber
warum gehen Sie nicht weiter? Gibt es nicht noch an-
dere Stoffe? Stickſtoff, Sauerſtoff - he? - Geht Jh-
nen ein Licht auf? Sehen Sie, ich bin ein Deutſcher!
und noch dazu ein Schwarzwälder, Einer, der auf der Pe-
troleumsliſte ſtand. Aber der Deutſche vergißt leicht. Er
hat ein cosmopolitiſches Herz. Jch leihe Jhnen meinen
Finanzkopf auf einige Tage und - Sie ſind gerettet. Hö-
ren Sie. Sie müſſen das Uebel an der Wurvel faſſen
und zwar an der Haarwurzel. Warum? Jch will es
Jhnen ſagen.
Jſt der Krieg von den Franzoſen nicht an den Haa-
ren herbeigezogen worden? Jſt das richtig - und Sie
haben es im geſetzgebenden Körper zugegeben - dann wiſ-

Druck von G. Mohr. - Verlag von G. Geiſendörfer.
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