Heidelberger Volksblatt — 5.1872

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r. 97.

Mittwoch, den 4. Dezember 1872.

5. Jahrg.

rſcheint Mittwoch und Samſag. Preis monatlich 1 kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt in der Druckeret, Schigaſſe
und bei den Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Die Zuchthäuslerin.

Novelle von J. Krüger.

(Schluß.)

erduldet, über die Liebe, die ſie zu ihrem früheren
Pflegevater, und die Freundfchäft, die ſie für Cäcilie
empfand, vergeſſen und ſich rächen wollte nach der
Lehre des Erlöſers, der uns gebot, den ärgſten Feinden
zu verzeihen und zu ſegnen, die uns fluchen. - Der
Elende, deſſen Zähne vor innerer Angſt klappernd zu-
ſammenſchlugen, blickte noch Marie hin, die er erſt
jetzt wieder erkannte. Ruhig, ernſt, in wahrhaft er-
habener Schönheit ſtand ſie da, kein Zeichen des Zor-
nes in den edlen Zügen. Die großeu dunklen Augen
ſprühten keine vernichtende Blitze auf die bleichen ſün-
digen Geſchöpfe, die einſt ihr jugendliches Daſein ver-
giftet hatten. Wie die ewigen Sterne des Himmels
kündeten ſie Frieden und Vergebung. Noch ein kurzer
Moment angſtvollen Schweigens auf Seiten des Ba-
rons. Dann ſchlug er ſich mit der Fauſt vor die Stirn,
als ob er den feſten Bau derſelben zertrümmern wollte.
Jm nächſten Augenblicke lag er zu Marien's Füßen,
dumpfe Laute mnrmelnd, aus denen nur das Wort
"Gnade!" ſchwoch verſtändlich hervordrang, und gleich
darauf hatte auch die tückiſche Beate dieſelbe demüthige
Stellung vor den Grafen eingenommen. Marien's Herz
wurde in dieſer Minute von wahrhaft ſeligen Gefühlen
emporgeſchwellt. Wie wunderbar, wie herrlich hatte
die Vorſehung fie geführt. Die Lehre ihres guten
Vaters: "Bleibe immer rechtſchaffen und treu," die
wie mit Flammenſchrift in ihrer Bruſt eingegraben
waren, hatte ſich, nach harten Prüfungen, an ihr be-
währt. Als überglückliche Gattin und Mutter, hochge-
ehrt in den yornehmſten Kreiſen der Welt, konnte ſie
auf die einzigen Feinde ihres Lebens verzeihend her-
niederblicken und das teufliſche Böſe mit himmliſcher
Güte vergelten. Die Worte: "Stehen Sie auf, Herr
Baron, ich verzeihe Jhnen und Beate in der Hoffnung,
daß Sie Beide ernſtlich bereuen. Wer ſo glücklich iſt,
wie ich, trägt keine Rachegedanken in der Seele," er-
klangen ernſt, doch mild von ihren Lippen. Dann
wandte ſie ſich zu ihrem würdigen Gatten:
"Was ſonſt noch dem Herrn Baron zu ſagen iſt,
überlaſſe ich Dir, geliebter Freund. Jch habe jetzt noch
eine Pflicht zu erfüllen."
Sie ſchloß die Thür auf und erließ den Salon
Alfred und Beate hatten ſich indeſſ von den Knieen
erhoben.
"Sie haben mein aufrichtiges Geſtändniß empfangen
Herr Graf," ſagte der Baron. "Seien Sie verſichert,
daß meine Reue ebenſo aufrichtig iſt. Bin ich auch
der irdiſchen Strafe durch die Großmuth Jhrer Gemah-

Aber der barmherzige allwaltende Gott wollte den
Tod der Unglücklichen nicht. Er wollte ſie entſchädi-
gen für die unverdiente gräßliche Schmach durch ein
ſpäteres ehrenvolles und glückliches Daſeiu. Er flößte
dem Reiſenden, der die Arme aufhob und zu ſich in
den Wagen nahm, tiefes Mitieid für ſie ein. Nachdem
ſie ihm offen ihr trauriges Geſchick geſtanden - und
er glaubte ihr, denn ihre reinen, edlen Zügen konnten
nicht lügen - nahm er ſie mit auf ſeine Güter in
Rußland. Er gewann ſie bald lieb wie eine Tochter
und da ſie ihn in einer ſchweren Krankheit mit Auf-
opferung ihrer letzten Kräften gepflegt, und er auf Er-
den allein ſtand, ſo bot er ihr ſeine Hand an und er-
hob ſie zur Gräfin von Barikoff. Hier ſteht ſie vor
Euch, die ehemalige Marie Reiner, die unſchuldig An-
geklagte, unſchuldig Verurtheilte. Aber Engel wollen
keine Rache, ſie ſind erhaben über ſolche niederige Ge-
fühle. Sie verlangt nur ein reuiges Bekenntniß von
den Verbrechern, die ſie ſo bleich und zitternd in die-
ſem Augenblicke vor ſich ſtehen ſieht, dann will ſie ver-
geſſeu und das gräßliche Geheimniß in ihrer und mei-
ner Bruſt begraben ſein laſſen.
Der Graf hielt einige Augenblicke inne. Dann
trat er immer näher auf den Baron und Beate zu und
befahl mit donnernder Stimme, die den Verbrechern
wie die Poſaune des Weltgerichts erklang:
"Nieder auf die Kniee vor dem gemißhandelten
Engel, denn nur er kann Euch Gnade gewähren!"
Wären Beide vor Gericht von dem ſchärfſten Jn-
quiritenten zum Bekenntniſſe ihres Verbrechens aufge-
fordert worden, ſie hätten wahrſcheinlich hartnäckig ge-
leugnet, denn die Furcht vor entehrender Strafe hätte
ihr Gewiſſen übertäubt und ihren Mund verſiegelt.
Anders aber ſtand es hier, vor Allem in der Seele des
Barons. Durch Ankauf und Vernichtung der falſchen
Wechſel hatte Graf Barikoff ihn bereits vom Abgrunde
gerettet. Derſelbe hatte geſchworen, ſein edles Werk
dadurch zu vollenden, daß er die jetzt noch im Beſitze
der Familie von Handorf befindlichen Güter ihr erhal-
ten wolle. Wer Anders aber konnte ihn eſem
beiſpiellos großmüthigen Entſchluß gebracht h als
Marie Neiner, die Aies, was ſie von ihre. den
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