Heidelberger Volksblatt — 5.1872

Page: 65
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hdvb1872/0069
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
4d 9 9
Weteleſſe stlbi.


Ar. 17.

Mittwoch, den 28. Februar 1872.

5. Jahrg

cheint Mittwoch und Samſcag. Preis monatlich 13 kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonntrt in der Druckerei, Schi aaſſe 4
und ber ven Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Die Jncognito's.
Erzählung von Guſtav Nieritz.

(Fortſetzung.)

gibſt? Der nördlichen oder ſüdlichen? der Juno oder
Pſyche?"
"Beim Himmel!" - - Adolph ſtockte und ſprach zum
lanernden Hausmanne: "Freund! hier iſt ein Gulden.
Beſorg' Er uns einen Möbelhändler, welcher uns mit al-
lem Nöthigem noch heute verſehe."
Der Ueberflüſſige ging.
"Bei'm Himmel!" fuhr Adolph fort, "ich ſtehe wie
ein Herkules am Scheidewege. Eine wie die Andere hat
mich mit ihrer Göttinnengeſtalt bezaubert. Hier iſt die
Wahl ſchwer." - "Aber unumgänglich nothwendig," be-
merkte Hugo.
Vielleicht gibt die nähere Bekanntſchaft den Ausſchlag."
"Jch bitte um ſchnellere Entſcheidung," ſprach Hugo,
"damit ich in Zeiten wiſſe, was mir übrig bleibt und
nach welcher Göttin ich mein Netz auswerfen könne."
"O Du fromme Taubenunſchuld," rief Adolph zärt-
lich. "Komm' an mein Herz! Hat mein Leichtſinn Dich
blöden Jüngling endlich doch angeſteckt, daß Du, der nie
mit oder von einem Mädchen ſprach, heute zum erſten
Male eine zärtliche Regung fühlſt? Wackerer Junge!
ſtets ſollſt Du den erſten Platz in meinem Herzen aus-
füllen. Beinahe hätte ich über die Mädchen Alles ver-
geſſen. Laß uns die neue Wohnung näher in Augenſchein
nehmen. Wie rein iſt doch die Luft hier oben!" - "Bis
auf den Steinkohlendampf, der aus jener Schmiede her-
aufqualmt. - "Wie nahe dem Himmel!" - "Ja, ja,
aus der erſten Hand bekommen wir den Sturm und Re-
gen." - "Welche Ausſicht!" - "Und welche Einſicht
dort in den Garten und auf den Balkon!" - "Spötter!
An welches Fenſter willſt Du Deine Staffelei placiren?"
- "Wohin Du Dein Pianoforte?"
"Herlich muß ſich's ausnehmen, wenn bei'm Scheine
des Vollmondes hier auf der Plattform Deine Guitarre
und meine Flöte erklingen -"
"Und unten die Halbgöttinnen andächtig lauſchen -"
"Schelm! keine Beziehung, die mir fremd iſt."
"Nur das Heraufſteigen iſt ermüdend." -
"Dem hilft ein Mechanikus leicht ab. Eine Hebe-
maſchine, in Form eines Schwanes und in dem freien
Zwiſchenraume der Treppe angebracht, ſoll uns unſerm
Olymp fortan zuführen. Wie heute früh die Schwäne
durch den See, alſo werden wir ſtolz durch die Lüfte ſe-
geln."

"Ganz recht! Sie waren auf dem Gute geweſen und
langten Schlag ſechs Uhr hier an."
"Vorwärts! vorwärts!" drängte Adolph.
"Jch habe die Schlüſſel in der Stube gelaſſen," ent-
geguete der Mann und ging, ſie zu holen. "Frau!" ſprach
er drinn zu ſeiner Ehehälfte, "wenn Du was merken
thuſt, ſo merkſt Du was. Jch merke was. Der eine von
den einlitzigen Herren iſt in ein Frölen vom Geheimde-
rathe verſchoben. Er brennt lichterloh, ſag' ich Dir.
Ohne das Logis zu beſehen, hat er es gemiethet und mir
einen funkelneuen Kronenthaler Draufgeld gegeben. Der
hat mal die Katze im Sacke gekauft.
Keuchend folgte er den voranſpringenden jungen Män-
nern nach. Die Treppen nahmen kein Ende. Jetzt war
die letzte zurückgelegt. Durch eine Fallthüre gelangten ſie
zu dem Umgang, der mit einem eiſernen Geländer umge-
ben und mit ſtarkem Kupferblech getäfelt war.
Die Ausſicht war entzückend ſchön. Durch die bunte
Häuſermaſſe wand ſich der ſilberblanke Fluß mit ſeinen
Kähnen und Gondeln, ſtolz erhoben ſich die Thürme der
Stadt über ihre niedere Umgebung; in blauer Ferne be-
ſäumte die Gebirgskette das herrliche Rundgemälde. Adolph
widmete demſelben nur einen zerſtreuten Blick.
"Gehört der Garten hier zum Hauſe? Darf man ihn
beſuchen?" fragte er den Hausmann. Dieſer zuckte die
Achſeln. "Der Herr Geheimderath," entgegnete er, "hat
ihn ausdrücklich zu ſeiner alleinigen Benutzung gemiethet."
"Für wen iſt dort der Tiſch auf dem Balkon ſervirt?"
examinirte Adolph weiter,
"Der Herr Geheimderath pflegt alle ſchönen Abende
mit ſeinen Frölens daſelbſt zu ſpeiſen."
"Du haſt doch meinen Dolland nicht etwa liegen laſ-
ſen, als Du heute früh am bewußten See zeichneteſt?"
wendete ſich Adolph zu ſeinem Freunde "Bedarfſt Du
ſeiner noch?"
"Hier!" ſprach Hugo ironiſch; "auch ohne Dolland
ſeh' ich die feinen Ketten, welche meinen Freund ſeit heute
Morgen feſſeln."
"Du irrſt. Ein kleines Abenteuer der Art iſt die
Würze unſeres Junggeſellenlebens."
"Darf man wiſſen, welcher Schönheit Du den Vorzug

"Schon wieder eine Reminiscenz von heute früh,"
lächelte Hugo. Schmollend wandte ſich Adolph weg.
loading ...