Heidelberger Volksblatt — 5.1872

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elellereer Golslltt.


Nr. 24.

Samſtag, den 23. März 1872.

5. Jahrg.

Erſcheint Mittwoch und Samſeag. Preis monatlich 1D kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt in der Druckerei, Sch aſſe 4
und bei den Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Die Jncagnito's.
Erzählung von Guſtav Nieritz

(Fortſetzung.)

"Dieſe Frage beantwortet ſich ſchon von ſelbſt" -
entgegnete der Baron gefaßter. "Läßt man wohl die Sei-
nen aus einer andern Abſicht malen, als um ein theures
Andenken von ihnen zu beſitzen, im Falle eine Trennung
einſt ſtattfinden ſollte?"
"Sie haben vollkommen Recht. Wie ich ſehe, hängt
dort das Bild der gnädigen Comteſſe an der Wand. Doch
vermiſſe ich das Jhrer anderen liebenwürdigen Nichte da-
neben."

"Da, wie Sie ſelbſt wiſſen, Letzteres in Miniatur ge-
malt iſt, ſo würde es nicht neben ein großes Oelgemälde
paſſen."

"Kaufmann war der Hr. Schwager und wo?"
"Jn Philadelphia" - antwortete der Geheimerath
leichter.
"So weit reicht allerdings meine Bekanntſchaft nicht,
doch benutze ich jede Gelegenheit, das Mangelnde zu er-
ſetzen. Mein ſchönes Fräulein, in welcher Straße Phi-
ladelphia's befindet ſich die Akademie der ſchönen Künſte?"
Natalie würdigte den Frager keiner Antwort.
Dieſer wendete ſich nun wieder an den Baron. "Wird
die Faſſung des Bildes koſtbar ausfallen oder nicht?"
Jch habe meinem Freunde hierin freie Hand gelaſſen
"Jch bedauere, daß ich Jhnen nicht ein Gleiches ge-
ſtatten kann. Die Unterſuchung hat durch Jhre vagen,
ausweichenden Antworten eine ſo ernſte Bedeutung ange-
nommen, daß Sie es uns nicht verargen können, wenn
wir einige Guiden, mit der Livre Jhrer Dienerſchaft be-
kleidet, in Jhr Vorzimmer legen, um Jeden den Aus-
oder Zutritt zu verwehren."
Nach dieſen, mit ſichtlicher Schadenfreude geſprochenen
Worten entfernte ſich der Jnguiſitor und ließ den Baron
in einer nicht geringen Verlegenheit zurück.
"Hat man ſchon je erlebt," - hob Eugente an, -
"daß ein Weib der Männer Tröſterin werden muß! Un
doch muß ich dieſe Rolle übernehmen, will ich meine
theuern Onkel nicht der Verzweiflung anheim fallen ſehen
Onkel! pfut! ſchämen Sie ſich! Schauen Sie doch in den'
Spiegel, wie bleich und jämmerlich Jhr Antlitz geworden
iſt! Und wodurch? Durch die Kreuz- und Querfragen
eines Unverſchämten, den Sie ohne Säumen hätten aus
dem Zimmer werfen laſſen ſollen."
Der Baron, welcher mit langen Schritten auf- und
abgegangen war, blieb hier vor der Gräfin ſtehen, blickte
ſie voll Unruhe an und ſagte nach einigem Bedenken: "Du
ſprichſt, wie Du es verſtehſt. Jch ſage Dir, dieſer Chaſ-
ſeloup - auf deutſch, Jagdwolf - enthält tauſend Teu-
fel in ſich, von denen einer ſchou hinreicht, einen ehrlichen
Mann in's Unglück zu ſtürzen."
Er ſetzte ſtill ſeine Wanderung fort.
"Arme Natalie!" ſprach er trauernd, vor dieſelbe tre-
tend, - "was wird aus Dir - aus mir noch ärmeren
Manne werden?! Du allein begreifſt, was mich darnie-
derbeugt. Wenn nicht der Herr der Heerſchaaren ſich er-
barmt - ich weiß kein Mittel, uns zu retten. Zwar lä-
chelt ein kleiner Hoffnungsſtern durch die dunkle Nacht un-
ſerm deutſchen Vaterlande. Seit der Schlacht bei Dres-
den hat Napoleon nur Verluſte erlitten. Jn Leipzigs
Ebenen ſammeln ſich jetzt die Völker zum entſcheidenden
Schlage. Möge er günſtig für uns Alle ausfallen!"

"Auch das! Allein Sie befinden ſich doch in dem Be-
ſitze deſſelben? oder wäre es vielleicht ſchon in die Hände
eines beneidenswerthen Bräutigams gelangt?"
"Sie werden unverſchämt, mein Herr!" ſagte der Ba-
ron aufwallend.
"Nie darf man einen Jnquiſitor alſo nennen," -
entgegnete Chaſſeloup grinſend. "Das mehr beſprochene
Miniaturgemälde ſpielt in unſerem Drama eine ſolche
Hauptrolle, daß ich durchaus auf deſſen Vorzeigung be-
harren muß."
"Daſſelbe befindet ſich gegenwärtig nicht in meinen
Händen."
"Jn weſſen denn?"
"Jch laſſe es faſſen -"
"Wo? von wem? womit?"
"Jch habe einen Freund beauftragt -"
"Sein Name und Aufenthaltsort?"
"Varticulier v. Wormb in Augsburg -"
"Jch bin dort bekannt. Allein es exiſtirt eine Fami-
lie dieſes Namens daſelbſt nicht."
"Mein Freund iſt ſeit kurzem hingezogen.
"Wo lebte derſelbe vorher?"
"Jn - der Name des Orts iſt mir entfallen, da
mein Freund als Weltbürger oft damit wechſelt."
"So! Andrich iſt der Vatername Jhrer werthen
Nichte?" - fragte Chaſſeloup, von ſeinem frühern Ge-
genſtande abſpringend.
"So iſt's!" nickte der Geheimerath.
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