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Heidelberger Volksblatt (5) — 1872

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Nr. 53 - Nr. 61 (3. Juli - 31. Juli)
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lelb rger V

Nr. 58.

Samſtag, den 20. Juli 187².

5. Jahrg.

echeint Mittwoch und Samſtag. Preis monatlich 12 kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt in der Druckerei, Schufgaſſe!
und ber den Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten. ö

Johannes Guttenberg und Peter Schöffer.
Hiſtoriſche Novelle.
(Fortſetzung.)

„Euer Geheimniß gehört Euch, Herr Johann Fuſt,
und ohne Euch Verſchwiegenheit anzugeloben, würde ich es
für meine Pflicht halten, es zu bewahren, ſelbſt dann,
wenn ich es ſelbſt erriethe.“
„Ich vertraue Euch,“ verſetzte Fuſt raſch, der nicht
aus innerem edelmüthigem Antriebe des Vertrauens, ſon-
dern allein von der Furcht getrieben, daß der ſcharfſinnige
junge Mann ohne ſein Zuthun der Wahrheit auf die
Spur kommen und ſich dann vielleicht nicht zum Schwei-
gen verpflichtet fühlen würde, ſich dieſem ſchon jetzt eröff-
nen woͤllte. Er forderte daher nochmals einen felerlichen

Eid der Verſchwiegenheit von Schöffer und als dieſer ihn

geleiſtet hatte, ſagte er:
V„Ihr vermuthet richtig, Herr Schreiber, daß das, was
58r E. Euch ſeht, nicht geſchrieben iſt — es iſt ge-
ruckt.“
„Gedruckt?“ rief Schöffer überraſcht.
„Ja, vermittelſt einer Holztafel, in die der Junker die
Lettern ſchnitt, die Ihr da ſeht und von denen man dann
eine beliebige Anzahl Abdrücke nehmen konnte. Jetzt“, fuhr
er fort, indem er nochmals an den Schrank ging, aus
dem er die erſten Pergamentblätter genommen hatte und
mit andern zurückkehrte, „jetzt haben wir ſchon einen Schritt
weiter gethan und eben heute war es, wo der Junker von
Guttenberg mir die erſten Proben einer mit bewegli-
chen hölzernen Lettern gedruckten Schrift brachte; ſie lie-
gen vor Euch. Lange zweifelte ich, daß es mit der neuen
Kunſt etwas werden würde, und ſah die an dieſelbe ver-
»wandten Summen ſchon verloren an; jetzt aber weiß ich,
daß nicht nur reicher Gewinn, ſondern auch Ehre, ja un-
ſterblicher Ruhm für die Erfinder von derſelben zu er-

warten ſteht, beſonders wenn auch Ihr Eure Geiſteskräfte

und Eure Kunſtfertigkeit derſelben ernſtlich weihen wollt.“
Der Schreiber antwortete nicht, ſo erſtaunt, ſo über-
raſcht war er von der großen, rieſenhaften Erfindung ſei-
nes neuen Freundes; denn daß ſie allein der feurigen Seele
Johannes von Guttenberg angehörte, daran zweifelte er
keinen Augenblick. Er bog ſich über den Tiſch, und die vor

ihn ausgebreiteten Blätter hin und durchforſchte ſie mit

Kennerblicken und bald blieb ihm über die Wahrheit des
Geſagten kein Zweifel mehr, als er in dem auf einem

der Abdrücke befindlichen Worte (discerni) das erſte
umgekehrt, alſo discerni, vor ſich ſah, denn ſo konnte

es ſelbſt von dem nachläſſigſten Schreiber nicht geſchrieben

worden ſein.“
„Ihr ſtaunt mit Recht“, nahm Johann Fuſt wieder
das Wort, als Schöffer noch immer ſchwieg, „und ebenſo
wird die Welt einſt erſtaunen, wenn wir mit dieſer Er-
findung, der keine andere gleichkommt, hervortreten wer-
den. Für jetzt aber wollen wir nur noch daran denken, ven
ihr den Nutzen zu ziehen, den ſie uns bei Klugheit und
ſtandhafter Verſchwiegenheit gewähren kann. Es iſt dem-
nach mein Wunſch, daß Ihr, der Ihr in Frankreich, na-
mentlich in Paris bekannt ſeid, mit einer gehörigen An-
zahl dieſer gedruckten Blätter dahin zurückkehrt, und ſie
dort, als rührten ſie von der Feder her, zu Gelde macht,
nachdem Ihr ſie mit den ſchönen Verzierungen geſchmückt
habt, die Ihr Euren bisherigen Abſchriften zu verleihen
wußtet. Sprecht, ſeid Ihr mit dieſem Plane einverſtanden,
junger Mann?“ ö ö 1
„Ich bin es, doch muß ich zuvor des Junkers Erlaub-
niß zu dieſem Betriebe eingeholt haben,“ verſetzte Schöf-
fer; „nie werde ich etwas wider den Willen des großen
Mannes in dieſer Angelegenheit thun.“ ö
„Dann wird nichts daraus, verſetzte Johann Fuſt mit
ſichtbarem Verdruſſe. „Er will ſchon jetzt offen mit ſeiner
Erfindung hervortreten und kann die Zeit nicht abwarten,
ſich wegen derſelben angeſtaunt und vor der Welt berühmt
zu ſehen, während ich, wie billig, auch den Geldvortheil
vor Augen habe, den ſie uns bei kluger Verſchwiegenheit
gewähren kann. O Ihr glaubt nicht, Herr Schreiber, wie
eitel, wie ruhmſüchtig dieſer Mann iſt, wie ſeine Seele
nach Ehre und Auszeichnung lechzt, und wie gleichgültig

er gegen alle anderen Güter des Lebens iſt.“

„Wäre er, ohne dieſe Liebe zum Ruhme, ohne ſolche
Begeiſterung für die Kunſt dann wohl der große Mann
geworden, der er iſt?“ fragte der Schreiber, entrüſtet über
den ungerechten Tadel, den er über den von iem ange-
ſtaunten Manne von einer kleinlichen, erbärmlichen, nur
den äußeren Gewinn berückſichtigenden Seele ausſprechen
hörte.
Es klopfte in dieſem Augenblicke an die Stubenthüre;
Johann Fuſt raffte eilig die Blätter zuſammen, welche auf
dem Tiſche ausgebreitet lagen, verſchloß ſie wieder in dem
Schranke und eilte zu öffnen.
Es war der Junker zum Guttenberg ſelbſt, der zu den
beiden Männern eintrat. Er begrüßte Johann Fuſt mit
kalter Höflichkeit, reichte Peter Schöffer'n zutraulich die
Hand und ſprach zu dieſem
 
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