Heidelberger Volksblatt — 5.1872

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eileiberger Folkblt.
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Nr. 66.

Samſtag, den 17. Auguſt 1872.

5. Johrg.

Crſcheint Mittwoch und Samſeag. Preis monatlich 1D kr. Einzelne Nummer 2 kr. Man abonnirt in der Druckere, Schi ſſe4
und bei dea Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Selbſtachtung.

Die Menſchen ringen nach des Lebens Gütern,
Und Jeder ſucht das Gut vom höchſten Werthe,
Der mit der Waage, dieſer mit dem Schwerte,
Und machen ſich u eines Götzen Hütern.
Dein Jdeal ſei auch dein höchſtes Gut!
Jn ihm liegt deines Lebens höchſter Werth.
Dein Jdeal, - es werde Fleiſch und Blut!
Und dein iſt Alles, was die Welt begehrt.

Dein höchſtes Gut - ſuch's in des Geiſtes Schätzen
Die dir kein äußerer Unfall kann zerſtören,
Die immer dein ſind, ſtets dir angehören
Und in den Stand des reinſten Glücks dich ſetzen.
Ein Menſch zu ſein, - das ſt das höchſte Glück,
Ein guter Menſch, der ſeiner That ſich freut,
Der immer vorwärts ſtrebt und nie zurück
Und wo er kann des Guten Saamen ſtreut.

Gehilfen ſich zum Vesperbrod entfernt hatten, trat
Jehann Fuſt zu dieſem ein.
Seine heiteren Geſichtszüge verriethen, daß er den
Zufall ſegnete, der ihn den jungen Mann allein an-
treffen ließ; er trat zu Schöffer, betrachtete, nachdem
dieſer ihn flüchtig gegrüßt hatte, eine Weile die Arbeit,
und ergoß ſich dann in Lobreden über die große Ge-
ſchicklichkeit, die Schöffer an den Tag legte, und durch
die allein, wie er ſich ausdrückte, die neue Kun ſt zu
etwas geworden ſei.
Schöffer lehnte kalt, aber entſchieden das ihm ge-
ſpendete Lob ab, und meinte, der Me ſter würde auch
wohl ohne ſeine Beihilfe auf dieſe Verbeſſerungen in
Hinſicht des Verfahrens gekommen ſein.
"Nicht doch," verſetzte Fuſt mit mehr Lebhaftigkeit,
als ihm ſonſt äußerlich eigen war; "nicht doch, Jhr
denki allzu gering von Euren Fähigkeiten, Herr Peter,
und ſeid in der That zu beſcheiden."
"Jch bin nur gerecht gegen den Meiſter, dem die
Kunſt alles zu verdanken hat," verſetzte Schöffer, "wäh-
rend mein Verdienſt ſtets nur ein kleines, untergeord-
netes ſein und bleiben wird. Dem geſchickten Bau-
meiſter, der den Riß eines ſchönen und ſtattlichen Ge-
bäudes entwirft, ihm die rechte Stelle anweist, den
Grund ſorgfältig bereiten läßt, ihm gebührt allein Lob
und Bewunderung, nicht aber denen, die nach ſeiner
Anweiſung dieſen Bau dann aufführen."
"Doch wenn die Hand eines geſchickten Malers die
Gemächer in dieſem Gebäude durch ſeinen Pinſel ſinn-
reich verziert, werdet Jhr ihm nicht auch ſeinen Theil
des Ruhmes zukommen laſſen müſſen, nicht auch ſeinen
Theil der Bewunderung?" verſetzte Johann Fuſt. "Einen
ſolchen Künſtler achte ich Euch gleich, Herr Peter Schöf-
fer, mag auch Eure rühmliche Beſcheidenheit dagegen
einwenden, was ſie will."
Schöffer ſchwieg, denn ſelbſt ein gerechtes Lob aus
ſolchem Munde, und nun gar auf Koſten ſeines ver-
ehrten Meiſters zu empfangen, behagte ihm nicht, und
Fuſt fuhr fort, indem er einen zutraulichen Ton an-
nahm:
"Mir iſt ſeit lange, Herr Peter, als hättet Jhr
etwas gegen mich, und das betrübt mich mehr, als Jhr
vielleicht glaubt. Sollte es Euch gekränkt haben, oaß
der für den Ruf ſeiner einzigen Tochter beſorgte Va-
ter" . . .
"Jch denke nicht mehr daran!" verſetzte Schöffer
raſch und bog ſich auf ſeine Arbeit nieder, um die
brennende Röthe, welche ſeine Wangen bei dieſer un-

Hoch ſteht das Leben, dem wir Alles danken
Jedoch am höchſten nicht, wo das Gemeine,
Des Edlen Feind, verdrängt das Gute, Reine,
Kann wahres Glück am Lebensbaum nicht ranken.
Der Menſch iſt Geiſt, und für des Geiſtes Licht
Giebt willig hin der edle Menſch ſein Blut.
Das Leben iſt der Güter höchſtes nicht -
Selbſtachtung iſt des Lebens höchſtes Gut!

Johannes Guttenberg und Peter Schöffer.


(Fortſetzung.)

Von dieſem ſtillen Glücke, von dieſem beglückenden
Verkehr der Liebenden hatte Johann Fuſt keine Ahnung,
und ſo ängſtigte ihn jetzt um ſo mehr der Gedanke,
daß dieſe Liebe, die zu begünſtigen er nun geneigt war,
jetzt völlig in den Hintergrund der Herzen der beiden
jungen Leute getreten ſei. Dies mußte er zu erfor-
ſchen, ſich darüber Licht zu verſchaffen ſuchen.

10.

An einem Tage, als Schöffer, der mit der Adju-
ſtirung einer neuen Matrize eifrig beſchäftigt war, ſich
allein noch in der Werkſtatt befand, da die übrigen
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